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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:02

Peter Rühmkorf: Einführung in Leben und Werk / Jazz & Lyrik

08.02.2010

Einen Platz bei Ringelnatz

Zwei opulente Hörbücher bringen den 2008 verstorbenen Dichter Peter Rühmkorf zum Swingen. Sie sind Trost und Trotz gegen den Tod, beweisen sie doch, wie stark Rühmkorf gewirkt hat – und nachwirken wird. Von THOMAS SCHAEFER

 

In „Wenn – aber dann“, dem 1999 erschienenen Band mit „vorletzten Gedichten“, äußerte Peter Rühmkorf einen „Frommen Wunsch“: „Wünsch mir im Himmel einen Platz / (auch wenn die Balken brächen) / bei Bellman, Benn und Ringelnatz / und wünschte, daß sie einen Satz / in einem Atem sprächen: / nimm Platz!“ Am 8. Juni 2008 verstarb Peter Rühmkorf und nahm Platz im Kreis der genannten Größen – denn dass sein Wunsch in Erfüllung gegangen ist, steht außer Frage. Um sich Rühmkorfs Rang und Geltung zu vergegenwärtigen, genügt es, die beiden Prachttondokumente anzuhören, die bei Hoffmann und Campe als erste Schritte einer postumen Würdigung erschienen sind.

 

Da ist zum einen die gelungene Zusammenstellung einer Kunstform, die Rühmkorf wie kein Zweiter prägte: die Verschmelzung von Lyrik und Jazz – vor allem im Zusammenspiel mit dem Pianisten Michael Naura und dem Vibraphon-Virtuosen Wolfgang Schlüter. Begonnen mit einem legendären Auftritt auf dem Hamburger Adolphsplatz im August 1966, hat das Trio, gelegentlich ergänzt durch den Bassisten Eberhard Weber und den Saxophonisten Leszek Zadlo, sein kongeniales Konzertieren verfeinert und perfektioniert.

 

Das wurde im Lauf der langen Zeit immer mal wieder auf diversen Tonträgern dokumentiert, in dieser umfangreichen Form jedoch noch nie. Die Sammlung demonstriert, wie sehr vor allem Rühmkorf in zunehmendem Maße seine Stimme als gleichwertiges Instrument einzusetzen verstand, wie er jenen Sound herausbildete, der den Gedichten eine unverzichtbare Dimensionen hinzufügt – „Rühmkorf ist etwas, das swingt“, ein „Troubadour“, bringt es Naura auf den Punkt.

 

Hörprobe Rühmkorf

Rühmkorf swingt in Jazz & Lyrik

In seinen letzten Schaffensjahren hat Rühmkorf mit jungen Musikern zusammengearbeitet und mit ihnen den altvertrauten Gedichten ganz neue Seiten abgewonnen. Ein Höhepunkt des Hörwerkes ist deshalb zweifellos das Gedicht „Phönix voran!“, das in drei unterschiedlichen Interpretationen Variationen entwickelt, die dem einen, gleich bleibenden Text ganz unterschiedliche Facetten verleihen. All das – auch die frühen Einspielungen und vor allem die Aufzeichnungen von Liveauftritten – strotzt vor ungebrochener, zeitloser Vitalität und Frische; auch noch in den späten Auftritten, als Rühmkorfs markante Stimme bereits von der Brüchigkeit des Alters gezeichnet ist.

 

Paradiesvogelschiß

Noch kurz vor seinem Krebstod hat Rühmkorf Gedichte seines letzten, am 1. April 2008 erschienenen Gedichtbands „Paradiesvogelschiß“ aufgenommen – eine Arbeit, die dem unheilbar Kranken einen letzten Auftrieb verschafft hat. Das ist zu hören und wird berichtet auf dem akustischen Lebensabriss, zu dem die Publizistin Charlotte Drews-Bernstein einen illustren Kreis von Zeit- und Lebenszeugen versammelt hat. Prominente Freunde wie Günter Grass, Verwandte und Freunde aus der Kindheit in Otterndorf und Warstade, Rühmkorfs Witwe Eva – sie alle zeichnen entspannt plaudernd ein so anrührendes wie unterhaltsames Lebensbild des Dichters, der seinerseits mit Gedichten, Interviewauszügen und seinen erhellenden Vorträgen zu Wort kommt.

 

Für Einsteiger ist das tatsächlich eine ideale „Einführung in Leben und Werk“, für Kenner ein Füllhorn an Anekdoten und intimen Einblicken. Sie bestätigen, was man immer schon wusste oder zu wissen meinte: dass dieser Peter Rühmkorf nicht nur ein so ungemein begnadeter Dichter war, sondern auch ein wunderbarer Mensch und Freund, „den Frauen sehr zugeneigt“, ein „außergewöhnlicher Mann“. „Zwischen Freund Hein und Freund Heine“ tanzte er auf dem Hochseil der Sprache wie kein Zweiter: Nicht nur ein Stilist von Gnaden, sondern ein Menschheitssänger, dessen betörendste Gedichte, mal elegisch, mal kokett, in magische Worte fassen, was uns Sterbliche quält, und dem Leiden unter den Gebrechen der Welt und unserer Vergänglichkeit eine barocke Diesseits-Lust entgegenstellen: „Eh sich die Welt zur Nachwelt verdüstert, / sieh sie dir an!“

 

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