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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:03

Mark Twain: Tom Sawyer & Huckleberry Finn / Hörspiel

26.04.2010

Huck, wo bist du?

Mit Superlativen sollte man in der Literaturkritik sehr vorsichtig umgehen, aber diese Romane gehören ganz eindeutig zu den großen Klassikern der Weltliteratur: Tom Sawyer und Die Abenteuer des Huckleberry Finn sind unverwüstliche Werke eines großartigen Literaten. Eine neue Hörspiel-Adaption führt uns pünktlich zum Mark-Twain-Jubiläum wieder direkt auf den Mississippi. Ein Klassiker-Check von MARTIN BEYER.

 

Ein Mann in aller Munde: Zum 100. Todestag des Schriftstellers Mark Twain kommt kein Kulturschaffender daran vorbei, auf die Bedeutung des grimmigen Schnauzbartträgers hinzuweisen. Dabei herrscht seltene Einmündigkeit, denn eines scheint klar: Dieser Mann würde uns heute guttun. Nicht nur den USA, die zwischen Obama und Palin in der Polarisierungsfalle sitzen, nein, auch uns. Jedem Kind, und jedem Kind in uns. Jemand, der uns in Turbo-Schul- und Modularisierungszeiten ein wenig jazzigen Mississippi-Ungehorsam lehrt und uns an unsere Freiheitsliebe erinnert, die uns auf halber Strecke aus der Tasche gefallen ist.  

 

Freiheitsliebe? Und schon sind wir bei den großen Romanfiguren Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Sind wir bei Indianer Joe und Nigger Jim, bei Tante Polly und dem weiß gestrichenen Zaun. Diese Figuren und diese Geschichten sind nicht nur ein eigener weltliterarischer Kosmos, sie sind zu einem Mythos geworden wie der Autor selbst. Das ist eine Gefahr, und das ist eine Chance. Huck und seine Mitstreiter, seine Feinde und seine Freunde erzählen von der Kindheit Amerikas, von Rassentrennung, Armut, von Stolz und Freiheit. Diese Geschichten sind rau und voller Slang, sie sind ganz amerikanisch und trotzdem universell. Sie gehen uns alle an.

 

Hörprobe_Tom Sawyer

Neuübersetzung von Andreas Nohl

Bei jeder neuen Übersetzung und Adaption für den deutschsprachigen Raum stellt sich nun eine wesentliche Frage: Ist es gelungen, diesen Text frisch wirken zu lassen wie die blondzopfige Becky Thatcher, die von Tom Sawyer zu einem Liebesgeständnis überredet werden kann? Ohne eine Anbiederung an modernen Jugendsprech vorzunehmen, nur um zu gefallen. Ohne zu versuchen, amerikanische Idiome krampfhaft umzuwandeln in dialektale Färbungen.

 

Andreas Nohl ist das mit seiner Neuübersetzung gelungen, fern von aller Künstelei und Anbiederei hat er sich eng an die Twainschen Maximen der Einfachheit und des schlichten Stils gehalten – und die Magie dieser Texte und den Drive der Dialoge bewahrt. Deutschlandradio Kultur und der Saarländische Rundfunk haben gut daran getan, diese Übersetzung als Grundlage einer Hörspielbearbeitung zu wählen, denn die Dialoge sind hier das Wichtigste, und die Dialogübertragungen von Nohl sind grandios.

 

Ulrich Noethen ist Mark Twain

Grandios ist auch diese Hörspielinszenierung. Unter den Südstaatenklängen der Ambrosius Stompers durchleben Tom und Huckleberry ihre Abenteuer, sie brüllen, weinen, lachen, sie ängstigen sich, sie sind voller Mut und Zuversicht. Kostja Ullmann und Patrick Güldenberg setzen ihre Rollen hervorragend um, Ulrich Noethen gibt einen bestechenden Mark Twain – die hohe Qualität der Sprecher reicht bis weit in die Nebenrollen. Eine hochkarätige Sprecherriege macht allerdings noch kein gutes Hörspiel, hervorzuheben ist die Regiearbeit von Alexander Schuhmacher, der es versteht, die Episoden so miteinander zu verknüpfen, dass es keinen Leerlauf gibt, dass dieses „Roadmovie auf dem Wasser“ (Matthias Matussek) aber auch nicht zu überbordend wird. Einzig die Geräusche sind teilweise etwas zu aufdringlich, nicht in jeder Szene müssten Grillen zirpen oder irgendetwas rascheln und knistern, doch das fällt nicht weiter ins Gewicht. Eine kluge Textbearbeitung, das richtige Tempo, ein feines Gespür für Dramaturgie – diese Produktion wird hoffentlich viele Kinder an die Texte heranführen.

 

Und was ist mit den Älteren? Mark Twain schrieb seinen Tom Sawyer und seinen Huckleberry Finn nicht „nur“ für Kinder, er schrieb sie genauso für Erwachsene, die sich daran erinnern sollen, woher sie kommen, welche „kindlichen“ Eigenschaften sie aufgegeben haben, obwohl sie ihnen vielleicht noch immer gut zu Gesicht stünden. In diesem Sinne ist diese Hörspielbearbeitung eine sehr gute Erinnerungsstütze. „Wo ist Huck?“, fragen die Romanfiguren immer wieder. „Wo ist Huck heute?“, fragen wir uns. Keine Sorge: Er ist hier!  

 

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