Kleine Menschen haben Sex
Inhaltlich geht es um die großen Themen der Kleinbürger. Weniger Krieg und Frieden und die Suche nach dem Sinn des Lebens, die Texte drehen sich viel mehr um Beziehungsstress, Statussymbolsammlungen und Sex, natürlich Sex. Es geht um das Reden darüber, wie den Akt an sich. Gomringer und Stauffer machen aus dem intimen Miteinander einen rein körperlichen Austausch, nehmen ihn theoretisch auseinander, erklären Aufbau, Durchführung, Nachbereitung und fragen streng wissenschaftlich: „Welche Wand wäre funktionstüchtig?“ Die Autoren entzaubern gleich zu Beginn des Hörbuchs leidenschaftlichen, ungestümen und privaten Sex als einfachen Akt der Bedürfnisbefriedigung. Aus erotischen Zweisamkeiten wird Beischlaf, Kopulation, Fortpflanzung, der Austausch von Körperflüssigkeiten. Alle Emotionen davor, dabei, danach werden theoretisiert, der Mensch zum kühlen Funktionsträger körperlicher Bedürfnisse stilisiert. So betrachtet wird jedes romantische Essen, jeder lustvolle Seufzer, jede Diskussion über Abfuhr oder amouröses Abenteuer zum Beiwerk einer sich auslebenden Triebnatur. Der kleine Mensch fickt. Nicht mehr und nicht weniger, und doch macht er daraus die schönste Nebensache der Welt – und redet darüber.
Die Lyrikerin und Performancepoetin Gomringer und der Autor und Open-Mike-Preisträger Stauffer abstrahieren Befindlichkeiten von Neid und Eifersucht bis Protz und Dekadenz, legen Gefühle auf kleine Probenträger, die es zu mikroskopieren gilt, und beschreiben sie, wie sie auf dem Tonträger auch eine Kastration detailliert beschreiben: nüchtern und medizinisch. Die Autoren sind vor allem stark darin, die tägliche Portion Dekadenz zu entlarven als das, was sie zumeist ist: eine Überbewertung, etwas Künstlich-Abstraktes, dem gesellschaftlich besonders viel Wert beigemessen wird. Warum macht man sich zum Ausgehen chic? Warum ist die Nahrungsaufnahme in Edelrestaurants tatsächlich etwas Besonderes? Wann wurde Essen zum Statussymbol? Gomringer und Stauffer hinterfragen materiellen Reichtum, aber auch emotionale Besitztümer. Ein Bürohengst behandelt im Text „Pfeife“ seine Frau wie eine Akte, mit der man sich zwar beschäftigen muss, aber die vor allem nicht stören soll. Das lässt sich die Frau nicht länger bieten und betrügt den Beamten genau mit dem Kerl, über den man zuvor noch gemeinsam gelästert hat. Der kleine Mann am großen Schreibtisch versteht die Welt nicht mehr. Doch statt seinen Umgang mit seiner Frau zu überdenken, heftet er die Sache ab. Die Akte kommt zu den Akten.