Geschichte der RAF gefiltert durch SPIEGEL-Linsen
„Die meisten Bücher über die RAF“, schreibt Sontheimer, „kranken an der Einseitigkeit ihrer Quellen: Ihre Autoren stützen sich fast ausschließlich auf Dokumente von Polizei und Justiz, die naturgemäß parteiisch und oft fehlerhaft sind.“ Sontheimers Buch krankt freilich daran, dass es Geschichte durch die Augen des SPIEGEL präsentiert, als wäre das Archiv des Nachrichtenmagazins der unbestreitbare Hort historischer Wahrheit. Schon der Titel „Natürlich kann geschossen werden“ geht auf ein von Ulrike Meinhof besprochenes Tonband nach der Befreiung von Andreas Baader zurück, das dem SPIEGEL im Juni 1970 zugespielt wurde:
„[...] wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“
Die Quellen- und Faktenüberprüfung endet an den Grenzen der SPIEGEL-Dokumentationsabteilung. So wird das Versagen der bürgerlichen Medien im Rahmen des Ausnahmezustandes im Jahre 1977 mit dem massiven Abbau bürgerlicher Freiheitsrechte nicht thematisiert, was bei einem Mitbegründer der taz, die eben als Organ der „Gegeninformation“ ins Leben gerufen wurde, etwas seltsam anmutet. Offenbar gilt die alte Wahrheit: Wes' Brot ich ess', des' Lied ich sing'.