Die Möglichkeit einer Insel
In der menschenleeren Weite des Lapplands bleibt Arne vor den Heimsuchungen seines Fluchs verschont – er findet seine abgeschiedene und daher sichere Insel inmitten der stürmischen See bösartiger Artgenossen. Doch diese hält, wie sollte es auch anders sein, dem selbstgewählten Robinson seinen Freitag – in der Gestalt eines österreichischen Touristen – nicht vor. Arne wird erneut von seinem Fluch heimgesucht und muss feststellen, dass seine Flucht ins Exil auch die nach vorn verlangt, bevor er Erlösung finden kann.
Alles in Allem ist Der Gedankenleser so, wie sich sein Autor in seiner Call-In-Show präsentiert: ganz nett. Mehr aber leider auch nicht. Die Geschichte langweilig zu nennen wäre zwar falsch, fesseln kann sie einen allerdings auch nicht. Dafür plätschert sie einfach zu seicht vor sich hin. Dies ist zum Teil Domians Prosa geschuldet, die ein wenig dokumentarisch rüberkommt und auf diese Weise ständig eine gewisse Distanz zum Leser bzw. Hörer aufrecht hält. So wie Arne seinen Mitmenschen nicht zu Nahe tritt, um zu vermeiden, dass er ihre Gedanken wahrnimmt, lässt auch der Text einen nicht wirklich an sich ran. Außerdem erscheint das Weltbild, das im Gedankenleser propagiert wird, ziemlich einseitig. Die Gedanken seiner Mitmenschen, mit denen Arne konfrontiert wird, zeigen ausschließlich Seelenwelten auf, die einzig und allein aus Egoismus und Leid zu bestehen scheinen. Die Bösen sind Arschlöcher, die Guten sind Opfer – wichtige Graustufen, die die Figuren etwas lebendiger machen würden, sind größtenteils geschwärzt oder geweißelt. Hier hat es sich Domian etwas zu einfach gemacht.
Treuen Fans von Domian wird man die Qualität seines zweiten Prosastücks trotzdem nur schwer ausreden können. Dafür sorgt allein schon seine wohlbekannte Stimme – wenn der gute Mann hin und wieder seine wohlverdienten Pausen antritt, kann man sich von der Hörbuchfassung des Gedankenlesers nämlich ebenfalls sehr gut in den Schlaf wiegen lassen.