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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:04

Hacke / Di Lorenzo: Wofür stehst du? Was in unserem Leben wichtig ist

12.10.2010

Von Affen und Aposteln

Axel Hacke und Giovanni di Lorenzo haben sich in Wofür stehst Du? an ein zutiefst emotionales Thema gewagt: Werte. MAXIMILIAN REEG hat ihren Diskurs verfolgt.

 

Axel Hacke ist erfolgreicher freier Schriftsteller, Giovanni di Lorenzo nicht minder erfolgreicher Journalist und Chefredakteur der ZEIT. Beide verbindet eine Freundschaft von über 25 Jahren, in der sie oft über Themen wie Familie, Tod, Erfolg und Misserfolg gesprochen haben. Nur ein Thema haben sie dabei nie behandelt: Was sind die Werte, die ihr Leben bestimmen? Mit ihrem Hörbuch Wofür stehst Du? versuchen sie, darauf eine Antwort zu finden.

 

Sie tun dies, so wird im Vorwort betont, ohne dabei ein letztgültiges Ergebnis hervorbringen zu können. Stattdessen bekennen sie sich zu der Ambivalenz ihrer Gefühle. "Aus kaum einer Krise oder Konfrontation - sei sie beruflich, privat oder politisch - kommt man mit nur einer einzigen Erkenntnis heraus, oft aber mit vielen Widersprüchen." So ist ihnen auch die klare Definition der eigenen Haltung letztlich nicht wichtig – was in diesem Buch zählt, ist der Weg dorthin.

 

Besonnen bis zäh

Die beiden Autoren begeben sich mit ihrem 3 CDs umfassenden Werk auf Spurensuche im eigenen Leben. Erwachendes politisches Bewusstsein und von den Eltern unkritisch übernommene Meinungen bestimmten anfangs das Leben der heute Fünfzigjährigen. Sie illustrieren das mit gut beobachteten Geschichten über frühe Erlebnisse und Bezugspersonen. Di Lorenzo beschreibt, wie er als Junge dem Vater die Zeitung holt, nur um sie selbst lesen zu dürfen und dabei die Verlustmeldungen des Vietnamkriegs gegeneinander aufrechnet, als handele es sich um eine Tabelle mit Fußballergebnissen. Er "hält" halt zu den Amerikanern, der kleine Lorenzo, und da will er natürlich wissen, wie seine Mannschaft abgeschnitten hat.

 

Beide haben die Nöte eines Krieges glücklicherweise verpasst und finden sich in einer Welt stabilen Friedens und wachsenden Wohlstands wieder. Trotzdem bleibt ihnen die Apokalypse gegenwärtig. Angst ist ihnen, bis heute, ein ständiger Begleiter. Die postheroische Gesellschaft scheint von dieser Angst gar zusammengehalten zu werden: Man überlebt nicht mehr gemeinsam die Gefahr, man klammert sich in der Angst vor ihr aneinander.

 

Stellenweise wird die Lesung durch den getragenen Tonfall etwas zäh - man möchte die Beiden schier anschieben und um etwas mehr Munterkeit bitten. Vor allem, wenn Frage und Antwort im Wechsel aufeinander folgen, wirken die vorbereiteten Dialoge etwas steif und abgelesen. Da hätte man sich durchaus eines lockeren Gesprächstons bedienen können. Andererseits kommen Hacke und DiLorenzo ganz ohne falsches Pathos aus und man hört aus jedem Wort, dass die Vortragenden es durchdrungen und mehr als nur einmal reflektiert haben. Letztlich ist es die Tiefe ihrer Betrachtung, die fesselt und den Hörer zum Zeugen einer quasi Vivisektion ihrer Persönlichkeiten macht.

 

Anleitung zur Selbsterkenntnis

Angst ist ein bestimmendes Thema in Wofür stehst Du?. Angst vor Versagen beispielsweise, die den Manager, der stets Stärke symbolisierenmuss, dazu zwingt, sich hinter Masken zu verschanzen, um seine generelle Überforderung zu verbergen. Am Beispiel des durch Freitod gestorbenen Nationaltorhüters Robert Enke untersuchen Hacke und di Lorenzo, was geschieht, wenn einer die Maske nicht zu tragen vermag, aber trotzdem sein Gesicht nicht zeigen kann.

 

Die Werte, die man letztlich verinnerlicht, müssen sich erst einmal in der Lebenswirklichkeit beweisen. Einfache Antworten gibt es für die beiden Intellektuellen nicht: "Es führt in die Irre, wenn man nur dem Leben ständig mit Moral entgegentritt, es muss ja auch die Moral dem Leben standhalten."

 

Das herausragende Verdienst dieses Buches und seiner (etwas gekürzten) Hörfassung ist nicht die Positionsbestimmung der beiden Autoren. Man kann es stattdessen als Anleitung zur Selbsterkenntnis begreifen, wobei man sich durch dieOffenbarungen des Innersten ermutigt fühlt, über sich selbst ebenso frei und offen nachzudenken. Das Ergebnis wird so individuell sein, wie es das Leben eben ist. Oder, um es mit den Worten des großen Georg Christoph Lichtenberg zu sagen: „Ein Buch ist ein Spiegel. Wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel herausblicken.“


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