Ingvar Ambjørnsen: Elling schreibt
14.03.2004
Simplicissimus scandinavicus
Ingvar Ambjørnsens Blutsbrüder als kongeniale Hörspieladaption Elling schreibt verbreitet den Zauber des Einfachen und zeigt, was das Genre kann.
So sind sie wohl, die Norweger. Der eine träumt von einer Wagenladung Sauerkraut und Riesentitten und redet dabei über die Vorzüge regelmäßiger Darmentleerung, der andere hadert mit öffentlichen Klobesuchen, wird von der Poesie übermannt und entwickelt sich zum Sauerkrautliteraten. Hochschwangere liegen volltrunken in Treppenhäusern herum und die Polizisten sind so verständnissinnig wie Sozialarbeiter.
Ganz normal in Fjordland, mag man meinen. Denn unweit leben ja auch die bizarren Finnen und andere Völker mit unverlöschlichen Namen wie Samen oder Lappen. Und die Schweden? Die spülen sich einfach viel zu oft die Gurgel. Wenn doch nur alles so einfach wäre ...
Pures Fleisch und reinste Neurose
Mit seinem ehemaligen Zimmergenossen aus der Psychiatrie, Kjell Bjarne, bezieht Elling eine Wohnung mitten in Oslo. Hier wagen sich die ungleichartigen Freunde - der eine purstes Fleisch, der andere reinste Neurose - erstmals hinaus ins "richtige", also "falsche" Leben. Sie treffen auf Reidun, die jung, schwanger und minderbemittelt ist, sowie auf Alfons, einen altgewordenen Dichter. Letztlich also ein einfältiges Topf-findet-Deckel-Spiel, das man Ambjørnsen aber gar nicht übel nehmen kann - und bei so viel Harmlosigkeit auch gar nicht will. Man nimmt es, aus den Händen einer sehr verspielten Fortuna, einfach hin. Oft rückt einem der Eindruck nicht von der Seite, dass hier Walter Matthau und Jack Lemmon in jugendlicher Frische, doch IQ-reduziert auferstanden seien. Was aber nur bedeuten kann: beste Unterhaltung - einiges mehr und dabei kaum weniger.
Vom Zittern der Titanen
Der einfache, auf den berühmt gewordenen Simpel zugeschnittene Titel Elling schreibt ist nur der Auftakt zu einem Reigen wohltuender Spartanität. Man schlittert als Hörer in eine Geschichte, die sich aus dem Nichts zu entspannen scheint. Und in ihrer vorsichtig tastenden Entfaltung gebiert Ambjørnsen wie beiläufig unvergessliche Momente, macht den Blutsbruder Kjell Bjarne zum Vater wider Willen und Elling gar zum Mann des schrägen Gänsekiels. Fazit: Vier Figuren, eine Stunde Kammerspiel und jeder Sprecher reinstes Gaudium! Hier zeigt sich, was das Genre kann, was mit ein wenig Musik, einfachsten szenischen Mitteln unter einer gekonnten Regie möglich ist. Beruhigend dabei ist, dass die Elling-Romane auch in Norwegen äußerst erfolgreich sind. Ansonsten beschliche einen das klamme Gefühl, es hier mit einem sehr deutschen Klischee vom gutherzigen, aber etwas tumben Norden zu tun zu haben: Menschen groß und stumm wie Fjorde, Geschichten, die einer Landstraße zwischen Trondheim und Hammerfest gleichen, und dazu ein paar Takte von Waldarbeitern, die den Kanal voll haben. Der Kniff der Reihe aber ist, Elling unsicher in die Welt hineintapsen zu lassen, wobei jeder seiner kleinen Schritte zur Gigantenleistung gerät. Auf diese Weise wird der einstige Psychiatriepatient mitsamt seinen Ängsten, seinen Mut- und Wutausbrüchen allmählich aber unaufhaltsam zu unserem Ebenbild. Und es sind seine neurotischen An-, Aus- und Einfälle, die dem Ganzen schließlich die richtige Würzmischung verpassen. Und der große Langweiler ist wieder mal der Sozialpädagoge. Na also ...
Christoph Pollmann
Ingvar Ambjørnsen: Elling schreibt Hörspiel mit Jens Wawrczeck, Heinz Werner Kraehkamp, Jule Böwe u.a. Regie: Oliver Sturm 1 CD mit Booklet Laufzeit 59 min. ISBN 3-89813-260-9 Preis: 14,95 EUR Erschienen bei: DAV Der Audio Verlag.