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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:05

 

Jules Verne: 20.000 Meilen unter den Meeren

14.03.2004

 

Ü-Mensch mit U-Boot

Jules Vernes 20.000 Meilen-Odyssee durch die Weltmeere als extrafeines Hörspiel - mit Starbesatzung.



 

Natürlich war er ein technischer Dilettant, wenngleich von enzyklopädischem Ausmaß. All seine Phantasmagorien aber, seine Monstrositäten mildern sich, betrachtet man sie als Darstellung des ansonsten so überdeutlich unterrepräsentierten Weiblichen. Es taucht zwar eine Frau in diesem Roman auf, doch hat diese längst das Zeitliche gesegnet. Die Nautilus ist demnach ihre Auferstehung als Zwitterwesen. Denn völlig in der Hand des Kapitäns Nemo entpuppt sie sich als Höllenmaschine, die auch hartherzig zu töten weiß. Insbesondere Engländer - aber das ist ja klar, wenn man als verjagter indischer Prinz von einem französischen Schriftsteller erschaffen wird.

"Der sehr merkwürdige Jules Verne" (Mallarmé)

Dieser Roman zeichnet sich aber außerdem durch eine ausnahmsweise kritische Betrachtungsweise der Technik aus. Denn wo bei Verne ansonsten reinste Fortschrittsfrömmigkeit herrscht, knirscht hier auch einmal der Zweifel in den ansonsten geölt schnurrenden Rädchen der mächtigen Mechanik.

Auch die Ambivalenz von Freiheit und Gefangenschaft erfährt in diesem Roman eine Zuspitzung. Ein ungeheures Bullauge bildet dabei den Übergang beider Sphären. Professor Aronnax (gesprochen von Gottfried John, dem Großspagater zwischen Kunst und Kommerz) hat als Gefangener Nemos die einmalige Möglichkeit alle spekulativen Bereiche seiner Wissenschaft, der Biologie, ein für alle Mal empirisch auszuloten.

Nemo der Naturmensch

Hierfür muss er sich aber den Gesetzen und Anordnungen des Übermenschen Nemo beugen. Wo also die Nautilus den Versuch Nemos darstellt, alle irdische Unterdrückung zu fliehen, wird das Regime, das er im ewigen Blau aufzurichten gedenkt, wiederum - Dialektik der Freiheit - zu einem totalitären. Totalitär psychotisch nämlich. Kein Wunder, vereinigt Nemo doch in persona den Künstler, den Ingenieur, den Politiker, den Wissenschaftler, den Geist- wie den Tatmenschen. In allem bestrebt, den ungeheuerlichen Weg zurück zum natürlichen Menschen zu beschreiten.

Ein Stück klassische Jugendliteratur verwandelt sich hier unter der Regie von Walter Adler und den Kompositionen von Pierre Oser zu einem Hörereignis vordersten Ranges. Immens dicht wogt das Drama voran und reißt den Lauschenden unversehens hinab in die Tiefen der Meere und Untiefen der Seele. Mit Ernst Jacobi als Nemo, Hermann Lause als Diener Conseil und Peter Gavajda als Oberharpunier Ned Land wurde auf diesem Trip nur bestes (Schauspiel-)Personal angeheuert. Es ist schier dämonisch wie bildhaft manche Szenen dieses Klangmultiversums geraten. Da ward Wort Fleisch.

Christoph Pollmann


Jules Verne: 20.000 Meilen unter den Meeren Hörspiel mit Gottfried John, Ernst Jacobi u.v.a. Regie: Walter Adler 2 CDs, Laufzeit: ca. 145 min. (oder 1 DVD) Preis: 19,95 EUR (bzw. 29,95 EUR) ISBN 3-89940-285-5 (bzw. -286-3) Erschienen bei: der hörverlag

P. S.: Die DVD bietet außer Dolby Digital 5.1 Surround Sound auch Produktionsfotos, Illustrationen der französischen Erstausgabe, Künstlerbiographien sowie das wohl unumgängliche Making-of-Video. Man trotze also getrost allen Verfilmungen. Möge da selbst ein Kirk Douglas in gestreiften Leibchen strotzen.

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