Für Therese bleibt nur die Einweisung in die Psychatrie. Als schweigendes Kuriosum wird sie sogar vom Anstaltsleiter höchstselbst begutachtet, der sich dabei geradezu als Volldepp geriert, weil er jetzt endlich mal von ihr selbst hören will, warum sie denn nicht mehr spricht. Der gesamte psychatrische Apparat wird in seiner Unfähigkeit entlarvt: Man suggeriert Vertrauenswürdigkeit, schließlich kenne man sich mit dem „Beschwerdebild“ bestens aus. Therese wird einem absurden Rohrschach-Test unterzogen, bei dem der behandelnde Arzt unbewusst die Interpretation der zufälligen Tintenklecksbilder gleich mitbringt: „Was hat der Mann da in der Hand? Hm? Der hat doch was in der Hand?“ Es folgt Gruppentherapie. Jeder darf mal beschreiben, was das Schweigen Thereses in ihm auslöst. Die Reaktionen der Gruppe kulminieren in einem Streit, in dem die Schweigende um die ihr zuteil gewordene Aufmerksamkeit beneidet wird. Doch nichts bringt Therese dazu, wieder zu sprechen.
Also befragt man die Eltern: „Wenn eine Mutter ein Kind hat, dann wird das Leben einfach einfacher. Für die Mutter.“ Anschließend ergeht sie sich in sonderbaren Selbstvorwürfen, wie: „... ich war zu fixiert auf sie ... ich habe sie wahrscheinlich mit meinen Problemen erdrückt“ - die sich aber bei näherer Betrachtung als Vorwürfe an Therese entpuppen. „Das ist das Allerschlimmste, was eine Tochter ihrer Mutter antun kann.“ Subtil und für die Beteiligten unbewusst sind die Verstrickungen aus Projektionen und Enttäuschungen über das narzisstisch besetzte Objekt namens Kind auch im wirklichen Leben. Das zeigt sich dann auch beim Vater, der sein Scheidungskind ebenfalls mit ureigensten Problemen zu belasten sucht.
Die Sprecher agieren in Tacet (Ruhe 2) in höchstem Maße authentisch. Auch prominente Namen sind dabei, etwa der Ausnahmeschauspieler Fabian Hinrichs, oder Carl Hegemann als Thereses Vater - selbst Vater der skandalumtosten Copy & Paste-Autorin Helene Hegemann. Mit einem guten Skript lassen sich trotz schmaler Etats eben auch die entsprechenden Interpreten gewinnen. Produziert wurde das Hörspiel von WDR und Deutschlandfunk mit Hilfe von Fördergeldern der Filmstiftung NRW, die sich damit einen weiteren Orden an die Rangeruniform des Nationalparks der vom Aussterben bedrohten Künste heften dürfen.
Nach und nach zerbrechen Beziehungen, alte werden in Gestalt des Ex-Freunds wiederbelebt - doch Therese flieht aus dem Raum und weiter in ihr hartnäckiges Schweigen. Alle arbeiten sich ihr ab, bis hin zum Klangschalentherapeuten, der die Wortlose pathetisch vom Bann des Nichtssagens freispricht und dabei auf hässlich klingende, mutmaßliche Messingeimer hämmert: „Was ist das in uns, das will, dass sie schweigt? Lassen wir los ... Dein Schweigen ist die Stimme dieser Wünsche!... Ich spreche Dich frei von dieser Last!“ Was für eine herrlich zynische Sottise auf all den neuzeitlichen Eso-Quark!