Gotteslobgenuschel
Die Psalmen, die von überschaubar bis zumindest gesanglich begabten Interpreten wie Thomas Enns, Patrick Nuo, Florence Joy, Moses Pelham oder gar Xavier Naidoo dargeboten werden, sind wunderschön. Zumindest als literarische Vorlage. Eindringlich sind die Bitten und Appelle an Gott, rührend die Lobpreisungen und die Beteuerungen seiner Macht und Größe. Sie haben sich nicht umsonst als Mem über Jahrtausende erhalten und waren nach den evolutionären Gesetzen der Memetik nahezu zwingend erfolgreich. So heißt es zum Beispiel im Psalm 145: „Er erfüllt das Verlangen derer, die ihn fürchten. Ihr Schreien hört er, und er hilft ihnen. Der HERR bewahrt alle, die ihn lieben, aber alle Gottlosen vertilgt er.“
Zwar hat, historisch betrachtet, der HERR die, die ihn lieben, keineswegs immer errettet und erhalten, auch Gottlose vertilgt er nicht zuverlässig, was berechtigte Zweifel am Wahrheitsgehalt solcher Zeilen schüren könnte. Doch geht dieser Zweifel stets mit denen unter, die ihr frühes Ende als Indiz für die Haltlosigkeit derartiger Thesen begreifen könnten. In denen aber, die wider Erwarten doch überleben, wird das Mem bestärkt und so weiter reproduziert. Was an kognitiven Dissonanzen noch übrigbleibt, weil auch der Frömmste zur Kenntnis nehmen muss, dass der göttliche Eingriff nur allzu oft eben nicht stattfindet, lässt sich mit Vorstellungen vom „unergründlichen Ratschluss“ auffüllen.
Was die Popsternchen aus den historisch und religiös bedeutenden Psalmen gemacht haben, ist leider das pure Grauen. Auch hier hätte göttlicher Eingriff gut getan. Der Spagat zwischen jugendtypischer Coolness und den tiefen, mit elementaren Metaphern aufwartenden Psalmen kann nur mit einem Riss im Schritt der ballonseidenen Hiphop-Uniform enden. Manchmal wartet man schier auf ein munter eingestreutes „Ihr Pharisäer seid doch alle Opfer, ey!“ Viel Pose ist da zu hören, am Gefühl mangelt es meist, Genuschel gibt es dafür reichlich. Einzig Xavier Naidoo lässt ahnen, wie es ist, wenn einer sich aus der Maske der verzweifelten Selbstbehauptung etwas lösen und sich in echtere Empfindung fallen lassen kann. Als Sänger beherrscht er es meisterhaft, auch relativ dünne Zeilen wie Offenbarungen klingen zu lassen - im Psalmenprojekt spricht er seine artikulatorisch und interpretatorisch gehandicapten Mitstreiter mit Leichtigkeit an die Wand.
„Psalmen werden während des Gottesdienstes als Lieder gesungen. Das Psalmenprojekt hingegen, verlässt sich ganz auf das Wort und so werden alle Psalmen von bekannten deutschen Stimmen gesprochen und interpretiert.“ - auch dieses Zitat stammt von der Homepage des Projekts. Stimmt nur leider nicht. Erstens sind die Stimmen bis auf Naidoo nur F-Prominente und alle Tracks sind mit gefälliger Musik in moderner Sound-Soutane untermalt, die das Gehörte für nicht textaffine Jugendliche vermutlich ein bisschen weniger unerträglich machen soll.
Ob das Psalmenprojekt von der anvisierten jugendlichen Zielgruppe außerhalb eines Kirchentags dankbar angenommen wird, mag dahingestellt bleiben. Vermuten lässt sich, dass so ein Projekt ohne Finanzierung durch ein evangelikales Verlagswesen nicht das Dämmerlicht der Öffentlichkeit erblickt hätte. Und doch: Wenn dieses Werk auch nur einem in der bedrängten Masse Erleichterung, Linderung, Hoffnung verschafft, hat es seine Berechtigung. Und so bleibt nur ein salomonisches Fazit: Wer´s mag, dem gefällt´s und wem´s nützt, der hat was davon.

