Kennzeichen T - 25.05.2012 Thomas Kistner: Fifa-Mafia TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert
Samstag, 26. Mai 2012 | 02:07

Der Mond ist aufgegangen

20.12.2010

Brummer meets Nachtigall

Besinnlich gibt sich Schauspielopa Mario Adorf auf der bei Polystar erschienenen Text und Lied-Kompilation Der Mond ist aufgegangen. Gemeinsam mit Sängerin Mee Eun Kim gibt er die schönsten deutschen Schlaflieder zum Besten. Rezensent DR. RANDY WEINHEIMER hat mit geschlossenen Augen zugehört.

 

Ein wenig abschreckend ist es ja schon, das Cover zu dieser CD. Hier feiert Photoshop fröhliche Urständ. Die Illustration hat gute Chancen, in ein paar Jahren mit einem hämischen Kommentar versehen bei Spiegel-Online aufzutauchen: Und das auf den vorderen Plätzen in einer der beliebten »Die hässlichsten Plattencover der Welt«-Fotostrecke. Was hier aus allerlei Zweiglein, Mond, Universum, Wolken und den beiden Interpreten zusammengepixelt wurde, kann ernsthaft die Gesundheit gefährden, denn es enthält erhebliche Konzentrationen von Kitschoxid und Antiästhetisin.

 

Gott sei Dank ist der Inhalt der CD keineswegs so grauenerregend, wie es das Cover vermuten lässt. Dafür sorgt unter anderem die Auswahl der Lieder und Texte, die man getrost als Sammlung der schönsten deutschen Schlaflieder seit Matthias Claudius (1740 - 1815) bezeichnen darf. Von eben diesem Claudius stammt bekanntlich auch auch der Titel dieses Albums. Ansonsten finden sich auf der Scheibe Klassiker von »Weißt Du wie viel Sternlein stehen?« bis »Müde bin ich, geh´zur Ruh«.

 

Mario Adorf übernimmt die Rolle des Sprechers und enthält sich, im Gegensatz zu jüngeren Schauspielkollegen, der Versuchung, auch noch ein Talent als Sänger beweisen zu wollen. Mit warmer, weiter Brummstimme interpretiert er seine Texte - und dem ehrwürdigen Greis kauft man das gerne ab, auch wenn er manchmal geneigt ist, die Vokale in seinem recht getragenen Duktus ein wenig zu überdehnen. Doch das ist ja durchaus der Sache dienlich - schließlich handelt es sich um Schlaflieder und die entspannte Haltung des würdigen Mimen überträgt sich wohltuend auf das Gemüt des Zuhörers. Die Trennung der gelesenen Liedtexte von ihren bekannten Melodien lässt die Worte hervortreten. Man kann sich neu auf sie einlassen und sich unter anderem an den teilweise rührend naiven, religösen Bezügen erfreuen: Wer wollte nicht, dass jeden Abend vierzehn Engelein ums Bett stehen? Darunter gar »... zweie, die mich weisen, zum Himmelsparadeisen«, wie es in dem Lied »Abends, wenn ich schlafen geh« von Adelheid Wette (1858 - 1916) so schön heißt.

 

Keine Zeichentrickroboterschlacht aus dem Unterschichtenfernsehen

 Auch wenn Adorf nicht singt, das Gesprochene ist mit Musik unterlegt, was  recht angenehm miteinander korrespondiert. Deutlich hörbar ist auch, dass Produzent Gunther Mende alle Register der digitalen Bearbeitungskunst gezogen hat, um die ohnehin tolle Stimme Adorfs noch weiter aufzubrezeln. Da hätte auch weniger gereicht, denn ein Interpret dieses Formats braucht an und für sich keine technische Nachhilfe. So einen hört man auch »trocken« gerne. Die Idee, einen Teil der Lieder zu singen und einen Teil nur zu sprechen, soll laut Legende der Produktionsfirma übrigens vom alten Adorf selbst gekommen sein.

 

Abwechselnd mit dem rüstigen Mimen gibt die koreanische Sängerin Mee Eun Kim Kostproben ihres Könnens. Der ehemalige asiatische Kinderstar von zierlicher Gestalt und beeindruckender Schönheit singt genau so, wie er aussieht. Ihre elfenhafte Stimme kontrastiert den alten Brummbären Adorf, zart, hell und schmeichelnd ist ihr Gesang. Ihre winzige R-Schwäche, die vielen Asiaten zu eigen ist, weil ein Gutturallaut, wie der uvulare Vibrant »R«, in asiatischen Sprachen nicht existiert, war geeignet, dem Rezensenten endgültig das Herz und den Verstand zu rauben. Es ist wirklich in höchstem Maße entzückend: »Guten Abend, gut Nacht - mit `osen bedacht...« - das hat einen nicht zu verleugnenden Charme.

 

Was allerdings »Urmeli - schlaf friedlich!«, ein Schlaflied für das Urmel aus dem Eis, dem lustigen Dinosaurier von Max Kruse, zwischen den meist historischen Klassikern zu suchen hat, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Mee Eun Kim zirpt aber auch dieses Lied sicher ins entspannende Ziel. Den hauptsächlichen Adressaten dieser CD, nämlich Kindern, bzw. deren Eltern, dürfte es ohnehin herzlich egal sein, ob die Zusammenstellung puristischen Maßstäben genügen kann.

 

Auf jeden Fall ist dieses Werk gut geeignet, im Vorfeld abendlichen Zubettgehens einige innige Minuten mit seinen Wänstern zu verbringen. Sie schlafen da sicher um einiges leichter ein, als nach einer Zeichentrickroboterschlacht im Unterschichtenfernsehen. Bleibt noch zu erwähnen, dass auch ein Booklet mit allen Texten beiliegt - falls man mal mitsingen möchte.


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...