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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:08

 

Antonio Fian: Café Promenade

22.03.2004

 
Das Absurde im Normalen

Alfred Polgar, Peter Bichsel, Kurt Tucholsky, Franz Hohler, Max Goldt. Schriftsteller allesamt. Was die miteinander und mit Antonio Fian zu tun haben? Alle (und noch mehr) werden in Rezensionen und Essays gerne als „Meister der kleinen Form“ bezeichnet.

 

Das trifft, wie gesagt, auch auf Antonio Fian zu, dem zwar auch schon umfangreiche Werke aus der Feder geflossen sind, der sich aber in seiner filigranen Spracharbeit in den Winzigkeiten und Schnipseln des Erzählens tummelt.

Antonio Fian veröffentlicht seit 1987 im Verlag Droschl, Graz. Österreichische Befindlichkeiten, Besonderheiten, Bescheuertheiten ziehen durch ein Werk, dass neben Erzählerischem auch Dramolette, Aufsätze und Polemiken, Dramen und Hörspiele enthält. Aus dem bereits recht umfangreichen Bestand las Fian im Dezember 2003 im Café Promenade in Graz. Von dieser Lesung veröffentlicht Droschl soeben die CD „Café Promenade“.

Sechs Gedichte führen ins Universum ein, Dialektlyrik, Sprachspiele, Absurditätenkabinettstückchen. Meisterhafte kleine Formen – die Dramolette in der Vorlesearena. „Europe, Bush“: Der amerikanische Präsident erschöpft in der Präsidentenmaschine auf seiner ersten Europareise. Sein Sekretär sagt, heute seien sie in Madrid, dann Brüssel, Göteborg. Der Präsident versteht nur „Bahnhof“ und beweist seine Unbildung. Bei Ljubljana entfährt ihm nur ein „Hu?“. „O it’s a shame haven’t to kill women too.” Vorhang. Das Gespräch zweier österreichischer Filmschaffender in einem Wiener Kaffeehaus zeigt, wie stark Fian in den gesellschaftlich-politischen Wirklichkeiten forscht und ergebnisorientiert seine Erfahrungen in bissig-amüsante Texte verarbeitet. „Der Verführer – Eine Bewältigung“ lehrt im Zwiegespräch zwischen Leni Riefenstahl und dem Kabarettisten Werner Schneyder, wie Missverständnisse zur Sprachlosigkeit führen können.

„Rilke bei Schüssel“ schildert eine unmögliche Begegnung, ein Gespräch zwischen dem österreichischen Kanzler und dem Dichter. Rilke wundert sich, dass Schüssel in Versen über den wichtigen Beitrag der Kultur zum wirtschaftlichen Fortschritt spricht. Er, Schüssel, brauche einen Lyriker von Rang, den Armen Mut zu machen, den die Privatwirtschaft so dringend braucht. „Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen...“ rezitiert Rainer Maria Rilke dann den Vers aus seinem Gedicht „Das Buch von der Armut und dem Tode“, den Schüssel gründlich missversteht. „Ein großer Satz“, meint der Kanzler, den er verwenden möchte. Rilke bietet er Erlass der Steuern oder Geld als Honorar an. Rilke sagt, es sei nicht viel, was er wolle. Und zitiert einen weiteren Vers aus dem Gedicht: „O Herr, gib’ jedem seinen eigenen Tod“. Darauf lässt Schüssel sich aber nicht ein – das wäre ein wenig übertrieben.

Klaus Hübner


Antonio Fian: Café Promenade. CD. Literaturverlag Droschl. ISBN 3-85420-656-9. 19 Euro

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