Emile Zola: Thérèse Raquin
22.03.2004
„Wir haben ja auch unsere Liebe umgebracht!"
Emile Zolas’ Thérèse Raquin ist angeödet vom kleinbürgerlichen Dasein. Ihre heimliche Liebe zu Laurent, einem saftstrotzenden Bonvivant, lässt sie darauf blind in einen feigen Mord tappen. Doch bald schon eröffnet der Richter in der eigenen Brust das Verfahren …. Ein fein gewobener Krimi mit hochkarätiger Besetzung.
Erstaunlich: Beinahe 50 Jahre ist es her, dass der Norddeutsche Rundfunk diese Produktion abschloss, doch nichts daran erscheint in irgendeiner Weise antiquiert, heiser-verstaubt. Ja, selbst die allzu bekannten Stimmen Inge Meysels und Hans Christian Blechs, das ganze uns mal grau mal harmlos-heiter erscheinende Weltbild dieser Zeit schiebt sich in keiner Sekunde störend vor die Fertigkeiten dieses Hörspiels. Demnach war es also eine weise Entscheidung, dieses Kunststück nun unverändert herauszugeben und sich erst gar nicht zu bemühen, ein besseres Pendant zu produzieren.
Vom naturalistischen Roman zum antiken Drama
Wie wurde verfahren? Zunächst brachte die meisterhafte Hörspielbearbeitung Max Gundermanns Klarheit in den vielstrangigen, manchmal fasrigen Roman des jungen Zola. Sein Verfahren war denkbar einfach: Er strich sämtliche Erzählpassagen und machte den Roman kurzerhand zu einem Drama. Hierdurch wurde manches an Phantasterei, Horror, Kitsch und Pathos auf ein erträgliches Maß reduziert. Kein Wort mehr zu viel. Zurückblieb eine klar gegliederte, beinahe klassische Tragödie mit schlimmstmöglichem Ausgang: Thérèse hält es nicht mehr aus mit ihrem kränkelnden Mann Camille, eingesperrt fühlt sie sich, verdammt zu ewiger Hingabe und Duldsamkeit. Doch mit Laurent, einem Freund ihres Mannes, ändert sich alles. Er erscheint ihr als Erlöser, als das versprochene Glück des Lebens, ungestüm und voll heißen Blutes. Als äußere Umstände beide daran hindern, einander zu sehen, verflechten sich ihre Phantasien unversehens zu einem grausen Plan.
Hölle auf Erden
Unfassbar, wie subtil Zola von diesem Zeitpunkt an verfährt: Kaum ist der Gedanke an Mord in der Welt, schon macht er aus Thérèse und Laurent Marionetten seines blinden Willens. Eine Geisterhand führt von nun an Regie. Im Verlauf einer Stunde taumelt man solcherart von der Vorhölle des Biedersinns in die Höllenkreise brutalster Gewalt hinab. Das Idyll der Kleinbürgerlichkeit entpuppt sich als wohlige Brutstätte der Entartung und die anmutige Armut eines Kurzwarenladens, in dem die Nächstenliebe zu walten scheint, wird das Tor zum Inferno.
Nicht nur Max Gundermanns Bearbeitung macht aus einem Meisterstück der Literatur einen Geniestreich des Hörspiels, auch Ludwig Cramers Regie arbeitet hier mit so klaren, ja dramaturgisch zwingenden Schnitten, dass man vermeint, dem Schicksal selbst bei seiner ewigen Bastelei zuzusehen. Die Sprecher sind ein weiterer Vorzug der Produktion. Nie fährt in ihr Spiel eine rüde, unbeholfene Regie, sodass der Fluss der Ereignisse scheinbar frei und naturgewaltig zu seinem katastrophischen Katarakt drängen kann.
Wir wollen Zola danken für Szenen, die von so reiner Schauerlichkeit sind. Noch lange werden wir in die aufgerissenen Leichenaugen Camilles sehen und sein stummes Hohnlachen vernehmen, werden der gelähmten Mutter gedenken, gezwungen den Mördern ihres Sohnes die Beichte abzunehmen. Zola hat ihre Seelen seziert – und uns zu Zeugen gemacht. Moderne Krimiproduktionen können hier zumeist einpacken.
Christoph Pollmann
Emile Zola: Thérèse Raquin.
Erschienen bei: der hörverlag. Produktion: Norddeutscher Rundfunk 1956. Hörspiel mit Joachim Teege, Rosl Schäfer, Hans Christian Blech u. a. 1 CD, Laufzeit ca. 55 min.
Preis: 14,95 EUR.
ISBN 3-89940-150-6