„Rot und Schwarz“ ist gewiss einer der bekanntesten Romane der Weltliteratur – wie z. B. „Die Leiden des jungen Werther“, „Madame Bovary“, „Don Quichote“ oder „Verbrechen und Strafe“ (bislang bekannt als „Schuld und Sühne“) – und erst recht einer der spannendsten. Der ehrgeizige junge Julien Sorel aus der Provinz versucht den gesellschaftlichen Aufstieg in einer reaktionären Gesellschaft, die er zuinnerst verachtet, über die Liebe zweier Frauen, die er erobert wie Napoleon seine Schlachten gewonnen hatte – bis er sich (wie sein insgeheimes Vorbild) sein Waterloo bereitet, jedoch nicht auf St. Helena landet, sondern auf der Guillotine.
To the happy few
Es war Stendhals zweiter Roman; aber sonderlich aufgefallen ist er oder gar erfolgreich war er damit nicht. Er ahnte es, als er unter die letzten Zeilen seiner „Chronik von 1830“ (Untertitel des im gleichen Jahr erschienenen Buches!) in Versalien die englischen Worte setzte: „TO THE HAPPY FEW“. Aber auch die wenigen, die das Buch zu Lebzeiten des Autors in Frankreich gelesen haben (Auflage 1.500 Exemplare), wurden so recht glücklich nicht damit. Nur der erstaunliche Goethe mit seinen 81 Jahren hat wenige Monate nach dem Erscheinen von „Rot und Schwarz“ gegenüber Eckermann gesagt, er halte es für das beste Werk von Stendhal, wenngleich ihm einige seiner „Frauen-Charaktere ein wenig zu romantisch sind. Indessen zeugen sie alle von großer Beobachtung und psychologischem Tiefblick, so dass man denn dem Autor einige Unwahrscheinlichkeiten des Details gerne verzeihen mag“.
Goethe war der französische Autor schon 12 Jahre früher aufgefallen mit dem „seltsamen“ Buch „Rom, Neapel und Florenz“ (1817. Er schickte Karl Friedrich Zelter Auszüge daraus, lobte des Autors „freie und freche Art und Weise“ und ist so angetan davon, dass er „immer wieder mit neuem Vergnügen (das Buch liest)“ und sogar hinzufügt, man „,möchte es stellenweise auswendig lernen“. Wobei man wissen muss, dass Goethe manche Teile auswendig können musste, nämliche jene, die der „talentvolle Mensch, der als Offizier, Employer oder Spion, wohl auch alles zugleich, durch den Kriegesbesen hin- und widergepeitscht worden“ sei, Goethes „Italienische Reise“ partienweise abgekupfert und einer Marchesina in den Mund gelegt hatte, was Goethe im Brief an Zelter erwähnt, nicht aber, dass sich Stendhal zudem auch noch in dem Buch „nicht gerade freundlich über Goethe äußert“, wie Elisabeth Edl im Nachwort der von ihr nicht nur neu übersetzten, sondern auch reich kommentierten Ausgabe des Romans im Hanser-Verlag schreibt. So kann man nur die Souveränität und den Enthusiasmus Goethes bewundern. Kleingeister hätten über den französischen Plagiator Zeter & Mordio geschrieen.
Beispielhafte Rückgewinnung
Der Münchner Hanser-Verlag, der in den vergangenen Jahren mit den Neuübersetzungen von Melvilles „Moby Dick“ und „Pierre“ überzeugende und sogar enthusiasmierende Beispiele für eine beispielhafte Rückgewinnung klassischer Autoren in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gegeben hatte, wendet sich damit dem großen Franzosen zu und setzt hoffentlich seine Stendhal-Ausgabe in absehbarer Zeit mit der „Kartause von Parma“ fort.
Ich erinnere mich (weil ich ihn selbst angeregt und in Satz gegeben hatte) noch sehr gut an einen Artikel von 1982, in dem der Umberto Eco- & Italo Calvino-Übersetzer Burkhard Kroeber forderte, die fremdsprachigen Klassiker alle Halbjahrhundert neu zu übersetzen und er als herausragendes Beispiel Stendhal nannte. Man habe von der literarischen Eigenart dieses Autors bei uns gar keinen adäquaten Begriff, schrieb Kroeber damals sinngemäß, weil bislang noch nie übersetzt worden sei, wie er geschrieben habe: nämlich ein nüchternes, unromantisches, schlankes & schnörkelloses Französisch. Schließlich hatte Stendhal ja behauptet, er habe immer erst einige Seiten im „Code Napoléon“ gelesen, bevor er sich ans Schreiben setzte.
Jetzt hat Elisabeth Edl, gewiss mehr als dafür ausgewiesen durch ihre Übersetzungen besonders von Simone Weil und Julien Green, diese Übersetzungs-Aufgabe übernommen – 50 Jahren nach den letzten deutschen Fassungen von Stendhals „Rot und Schwarz“. Sie lässt dabei in ihrem Nachwort die Mängel der früheren Übersetzungen Revue passieren – eine Editionsgeschichte von Auslassungen, Hinzufügungen und Harmonisierungen eigener Art, wenngleich nicht unüblich im Lichte unserer heutigen philologischen Ansprüche.
Edl beginnt ihr Nachwort mit dem Paradox: „Stendhal ist ein Klassiker und der Außenseiter der französischen Literatur“. Sie trägt viele Gründe dafür bei. Während Goethe, Balzac, Dickens, Tolstoi schon „Klassiker“ zu ihren Lebzeiten waren, wurde Stendhal, wie bei uns Kleist oder Hölderlin oder in den USA Herman Melville, erst postum zum „Klassiker“. Er selbst wusste seinen literarischen Rang durchaus einzuschätzen, und seinen späteren Ruhm hat er sich selbst verblüffend genau vorausgesagt. Er sprach von 1880 oder 1900 – und 1882 entdeckte ihn „sein größter Leser“ (Edl): Friedrich Nietzsche. Von ihm (und nicht von Goethes Lob) ging denn auch die deutsche Aneignung qua Übersetzung aus.
Die Gründe, die Stendhal in seiner Zeit zum Außenseiter machten, sind vielfältig. Er stand zum herrschenden politischen und literarischen Zeitgeist quer. Er hasste die royalistisch-katholische Restauration samt der „Verbürgerlichung“ des gesellschaftlichen Lebens ebenso wie die Sentimentalismen und den schwelgerischen, metaphernreichen sprachlichen Prunk der tonangebenden literarischen Romantik Chateaubriands und Victor Hugos. Wenn Balzac schrieb, Stendhal habe das „menschliche Herz verletzt“, bezeichnete er trennscharf, wie Elisabeth Edl schreibt, die Distanz, die er zu seiner Zeit hatte und vor allem auch diese zu ihm, nämlich durch Stendhals „illusionslose Wahrheitssuche, mitleidlose Analyse, Nüchternheit der Sprache“. Das Motto, unter das er seine gewissermaßen zeitgleiche „Chronik von 1830“ stellt (auch dies ein Affront gegen den von ihm so genannten „Kammerzofenroman“), gibt ebenso unmissverständlich wie selbstbewusst den Ton seines Romans, dessen realistische Intention und dessen Stil an: „Die Wahrheit, die bittere Wahrheit“. Und dass er diesen Fanfarenstoß auch noch dem Revolutionär Danton zuschrieb (ohne dass das Zitat bei ihm nachweisbar wäre), war eine Selbstempfehlung, die ähnlich provozierend war, wie es ein Motto von Andreas Baader vor einem deutschen Roman der Achtziger Jahre gewesen wäre.
Abenteurer und Literat
„Unzeitgemäß“ sind aber viele große Künstler gewesen, nicht zuletzt Nietzsche, der den 40 Jahre, bevor er ihn entdeckte, gestorbenen Stendhal als Zeitgenossen, der ihm in geistiger Freiheit vorausgeeilt war, für sich und sein Bild vom selbstbewussten Menschen reklamierte. Ein Aspekt aber, den zur Beschreibung ihres Paradoxes Elisabeth Edl unter zahlreichen anderen heranzieht, scheint mir besonders be- oder nachdenkenswert zu sein: Stendhals gelebte Vorstellung von sich und den sich daraus ergebenden literarischen Konsequenzen. Zurecht sieht sie in ihm den „Typus des Abenteurers und Literaten“, den Goethe ja schon an ihm bemerkte, der aber mehr mit Choderlos de Laclos, dem Autor-Chirurgen der „Gefährlichen Liebschaften“, also der raffinierten Liebesillusionen & -Feldzüge aus dem 18. Jahrhundert geistig verwandt war, als mit Flaubert, dem misanthropischen literarischen „Außenseiter im bürgerlichen Gewand“ (Edl), der um die einzig richtige Stellung des einzig adäquaten Wortes im rhythmischen Satzgefüge rang, als gelte es, das einzig mögliche Buch zu schreiben.
Stendhal dagegen, behauptet Elisabeth Edl, „ist nicht Schriftsteller in dem Sinne, als er Schritt für Schritt an der Reihe seiner Werke gearbeitet hätte; das Schreiben war ihm vielmehr eine mögliche Existenzäußerung neben anderen: Liebe, Reisen, Kunst, Musik. Und er, der erst spät im Leben Romane veröffentlichte und nicht mehr als deren drei, ist auch kein Romancier im zünftigen Sinne; sein Leben und sein Verhältnis zur Welt sprachen sich genauso in seinen Reisebüchern aus, in seinen beiden großen autobiographischen Selbsterkundungen oder in seinen Schriften zu Kunst und Musik, wobei alle seine Werke mit unendlich vielen Fäden ineinander verwoben sind“.
Primärer Existentialismus
Das „absolut Moderne“ (Rimbaud) an diesem Schriftsteller ist, würde ich behaupten, sein primärer „Existenzialismus“, anders gesagt: seine leidenschaftliche Suche nach dem Glück des Lebens, in deren Verlauf seine literarischen Ausflüge Existenz-, aber nicht Kunstnotwendigkeiten waren, so sehr er zumindest bei den beiden Romanen „Rot und Schwarz“ & „Die Kartause von Parma“ chef d´oeuvres zurecht vor Augen hatte. Seine anderen publizierten Bücher zur Liebe, zur Kunst und Musik sind Liebhabereien eines Reiseschriftstellers und Kulturphänomenologen, und wo sie nicht autobiographisches Erlebnismaterial eines gebildeten Dilettanten und Liebhabers verwerten oder es öfters auch fingieren, fingern sie sich ganz unverschämt Fremdmaterial (wie z.B. Goethes „Italienische Reise“) zusammen und füttern sich damit auf & aus. Borderline-Journalismus avant la lettre. (Heinrich Heine war da sehr viel seriöser, kenntnisreicher und näher an den Sachen bei seinen vergleichbaren kulturessayistischen Arbeiten.)
Aber selbst Stendhals ernsthafteste literarische Beschäftigung, also der Roman „Rot und Schwarz“ – den er wie die „Kartause“ diktierte (ein Umstand, dem Edl leider gar keine Überlegung widmet) – hat er, wie man weiß, am Ende nicht mehr im Druck gegengelesen, weil er schon mit seinen Gedanken auf dem Weg nach Triest war, wo er französischer Konsul werden sollte, was aber Metternich dann verhinderte. Wenn man es also genau nimmt, ist das Buch nach Stendhals Diktat und der ersten Drucklegung vom Autor gar nicht zuende redigiert worden, was man heute auch daran sieht, dass Stendhals ironisches Stilmittel, durch den Kapiteln vorangestellte Zitate die Emotionen des Leser zu dirigieren, diesen letzten Kapiteln fehlt – weil dem Autor die Veränderungen seiner Lebenswelt wichtiger waren als die ästhetische „Vollendung“ seines „Kunstwerks“, das in diesem „korrupten“ Zustand auf uns gekommen ist.
Glück der Spontaneität
Das ist aber nur eine Seite; widersprüchlicher – und für Übersetzer erst recht heikel – ist Stendhals be- & gerühmte „nüchterne“, „moderne“ Prosa, wenngleich der „Wortmetz“ Flaubert behauptete „Rot und Schwarz“ sei ganz einfach „schlecht geschrieben“. Elisabeth Edl führt, was nicht nur Flauberts schulmeisterliche Kritik an „elliptischen oder rätselhaften (Satz-)Konstruktionen und Wortwiederholungen“ in der Prosa von „Rot und Schwarz“ zu bemängeln hat, auf die äußerst schnelle Produktionszeit des Buchs zurück, an dessen Schluss Stendhal noch arbeitete, während er bereits an der Korrektur der früheren Teile saß. Was würde man darum geben, seine korrigierten Druckfahnen lesen zu können, um festzustellen, wie der Autor mit dem diktierten Text umgegangen ist, nachdem er ihn erstmals gedruckt sah. Oder ob er, der soviel auf das Glück der Spontaneität und auf die (erotische) Lust des schöpferischen Augenblicks gab, seine einmal niedergeschriebene Prosa doch nur nachlässig korrigierte, wie man wohl angesichts von Nachlässigkeiten und Wortwiederholungen des Textes annehmen muss. Nun, die penible Sorgfalt eines Sprachpoliers war wohl Stendhals Sache nicht; er stand aber auch nicht, wie Balzac oder Walter Scott, unter kommerziellem Druck, weil ihm, wie den beiden Großschriftstellern des 19. Jahrhunderts, die Gläubiger im Nacken saßen. Stendhal schrieb aus Lust & Laune, mit kalter, sich selbst und seine intellektuelle Wut und Phantasie genießender „Egotist“. Seine „stilistischen Qualitäten“, bemerkt Elisabeth Edl deshalb, „liegen in der énergie“ seiner Prosa, heute würde man wohl von ihrem „drive“ sprechen – also in einem mitreißenden Erzählfluss, der auch über Stromschnellen geht. Darin liegt vielleicht das größte Problem für eine „adäquate“ Übersetzung, die „Stendhals Sprache nicht im Sinne eines gängigen Perfektionsideals ‚verbessert’“, sie wird „aber auch nicht mechanisch jede zufällige Wortwiederholung oder Wortstellung reproduzieren, nur weil sie ‚im Original nun einmal so dasteht’“, wie Elisabeth Edl ihre Arbeit beschreibt. Ein Balanceakt, der in Zweifelsfällen sich an der von Stendhal intendierten Exaktheit und Klarheit des Begriffs und Ausdrucks orientierte, um eine Transparenz zu erreichen, mit der endlich auch deutsche Leser auf „die Wahrheit, die bittere Wahrheit“ der menschlichen Psyche blicken können, die zu erkennen und zu entdecken- & aufzudecken das literarische Ziel Stendhals war.
Bezeichnend für diese fast naturwissenschaftliche Intention dieses Autors des 19. Jahrhunderts ist z.B. eine selbstkritische Überlegung, die er bei der späteren Lektüre seines Romans notierte: „Ich finde“, schreibt er ein Jahr nach der Publikation für sich selbst, „den Anfang holprig, es fehlen Wörter, mit denen die psychischen Bewegungen beschrieben werden. Solche Wörter helfen der Phantasie, sich die psychischen Bewegungen vorzustellen, und dadurch kann man sich von der seelischen Analyse erholen, die wahr, aber 1831 oft schwer zu verstehen ist. 1841 wird das leichter sein, weil die Analyse des menschlichen Herzens Fortschritte macht“. Man kann verstehen, dass Nietzsche schreiben konnte. „Das ist ein Mensch nach meinem Geschmack“. Und man wird nun verstehen können, warum er recht hatte. Schließlich: dass wir Heutigen das größte Lektüre-Vergnügen aus Stendhals „Rot und Schwarz“ ziehen.
Wolfram Schütte
Stendhal: Rot und Schwarz. Chronik aus dem 19.Jahrhundert. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl. Carl Hanser-Verlag 2004. 872 Seiten. 34,90 ¤. ISBN: 3-446-20485-7