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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:11

Robi (Text) / Geier (Zeichnungen): Horst. Band 1-3

20.01.2011

Wie die Karnickel

Comics sind für Kinder – speziell die, in denen niedliche anthropomorphe Tiere ihre Späße machen. Richtig? Falsch! Manche Künstler reizt es, solche Funnyfiguren ganz anders zu inszenieren. Ein Beispiel dafür ist Horst, ein notgeiler Hase. ANDREAS ALT hat seine Abenteuer anlässlich ihrer Wiederveröffentlichung noch einmal gelesen.

 

Der US-Underground hatte um 1970 Funnyfiguren wie zum Beispiel die von Disney erstmals aus ihrem Heile-Welt-Zusammenhang gerissen. Enten setzten sich plötzlich Heroinspritzen, Mäuse gingen ins Bordell – so konnten noch einmal Grenzen überschritten und die Bürger provoziert werden. Später bemächtigte sich die Industrie dieses Konzepts. Marvel entwickelte etwa Howard the Duck, der als »Ausländer« (von einem fremden Planeten) satirische Blicke auf die amerikanische Gesellschaft warf. Howard brach nicht unbedingt Tabus, aber er rauchte immerhin Zigarren und hatte eine menschliche Freundin.

 

Unmoralische Funnyfiguren sind nun auch in Deutschland den Weg vom Underground ins etablierte Comicgeschäft gegangen. Horst nannte der Kleinverlag Schwarzer Turm – entstanden im Umfeld des legendären Horrormagazins Menschenblut – einen typischerweise dauergeilen Hasen, der seine Bedürfnisse häufig im Rotlichtviertel befriedigen muss. Das erste Heft Im Taumel der Triebe erschien im Mai 2000. Bis 2005 gab es immerhin 14 Ausgaben. Ob Rochus Hahn (alias Robi, Storys) und Jürgen Speh (alias Geier, Zeichnungen) dann die Luft ausging oder die Serie beim Schwarzen Turm nicht mehr ins Konzept passte, ist nicht bekannt.

 

Leserbriefe an einen Hasen

Eines unterschied Horst von anderen erfolgreichen Comicserien: Ab der zweiten Ausgabe wurden (echte) Leserbriefe veröffentlicht und beantwortet. Das deutet auf eine treue Fangemeinde, die schließlich der Verlag Panini mit seinem besseren Zugang zu Buch- und Comichandel und zum Pressegrosso zu vergrößern beschloss. So erlebt Horst nun also einen zweiten Frühling, statt im Heft jetzt zeitgemäß im Trade Paperback, diesmal von der ersten bis zur letzten Seite farbig, mit einem umfangreichen Magazinteil und ab Band 2 mit – sicherlich wiederum – echten Leserbriefen, erneut vom titelgebenden Langohr liebevoll-großspurig kommentiert.

 

Solch enger und sorgfältig gepflegter Kontakt zu den Fans ist bei den etablierten Comicverlagen sonst eher unüblich. Wenn es sich bei Horst nur um eine Abfolge schlüpfriger Gags handeln würde, gäbe es sicher keine Briefe abzudrucken. Aber die Macher haben von Anfang an betont, dass es sich bei den meist sechs- bis siebenseitigen Episoden in der Regel um im Kern wahre (selbst erlebte oder im Bekanntenkreis mitbekommene) Erlebnisse handelt. Was so manche Leser zu Nachfragen, kritischen Einwänden oder begeisterter Zustimmung herausfordert.

 

Beziehungsprobleme nicht übertüncht

Horst ist, wie er sich selbst charakterisiert, ein Dutzendgesicht, »weder reich noch berühmt«, so dass Groupies bei ihm nicht Schlange stehen. Bemerkenswert ist seine eiserne Entschlossenheit, seine Triebe dennoch abzureagieren. Als nicht eben sehr cleveres Exemplar Mann erlebt er dabei nicht selten eine Abfuhr und macht, auch wenn er ans Ziel seiner Wünsche gelangt, nicht unbedingt eine gute Figur. Manchmal ist das nicht einmal wirklich komisch – aber Robi will die Gefühlskälte in vielen Beziehungen, erst recht im Bereich der käuflichen Liebe, und die Unbeholfenheit in Beziehungsdingen im Zweifel nicht mit einem schnellen Witz übertünchen. Dieses Serienkonzept spricht viele Leser an, wobei auch Vorwürfe einer Verharmlosung der Prostitution abgedruckt werden.

 

Horst ist zudem eines der wenigen Beispiele für den Erfolg eines deutschen Kreativteams, der sich nicht in einem Buch oder Album erschöpft. Welchen Beitrag Robi mit seinen Storys dazu leistet, wurde eben angedeutet. Aber auch Geiers Grafik hat da ihre Meriten. Seine Zeichnungen sind glatt genug, um ein größeres Publikum ansprechen zu können, bewahren jedoch einen individuellen Ausdruck, der die Comics von Massenprodukten abhebt. Zudem gelingt ihm eine überzeugende Mischung aus Funnyfiguren à la Merrie Melodies und realistischer Szenerie – die Frauen, auf die Horst abfährt, stattet Geier selbstverständlich auch nicht mit einem Tierkörper aus.


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