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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:11

Interview mit Jane Goodall

02.09.2010

,,Sie ähneln uns zu sehr"

Fast zerbrechlich wirkt die Dame, die im Hotel Adlon von ihrer Arbeit erzählt. Doch in ihrer sanften Stimme liegt unbeirrbare Entschlossenheit. Neben ihr ihr ständiger Begleiter Mr. H., dessen Fell weich ist, trotz der unzähligen Hände, die es berührt haben. Ihr Leben widmete die weltberühmte Verhaltensforscherin und Umweltschützerin Goodall den wilden Artgenossen ihres Affen-Maskottchens. LIDA BACH hat sie getroffen.

 

Wann wussten Sie, dass die Erforschung des Verhaltens von Tieren Ihr Lebensinhalt war?

 

Ich träumte seit ich elf war davon, nach Afrika zu gehen. Als dort ankam dämmerte mir, dass jemand mit Verhaltensforschung beginnen könnte und als ich 23 war schlug Louis Leakey vor, dass ich Menschenaffen und nicht irgendeine andere Tierart studiere. 1963 wurde mir klar, dass diese Studien für immer fortgesetzt werden könnte.

 

Glauben Sie, dass die Schimpansen eine Persönlichkeit haben?

 

Ich weiß, dass sie eine haben. Sie haben so unterschiedliche Persönlichkeiten wie wir.

 

Haben Sie eine Freundschaft zu einem Tier entwickelt?

 

Das wollten wir nicht. So etwas ist bei Tieren in Gefangenschaft möglich, aber nicht in freier Wildbahn. Und es braucht zwei, um sich miteinander anzufreunden.

 

Denken Sie manchmal an die Gefahr während der Arbeit mit den Tieren?

 

Nein. Ich glaube nicht, dass es gefährlich ist. In Gefangenschaft sind Schimpansen gefährlich, weil sie ihr natürliches Verhalten nicht entwickeln können. Aber nicht in der Wildnis.

 

Sie hatten nie Angst?

 

Ich hatte Angst, wenn es vernünftig war, sich aus dem Staub zu machen. Wenn eine Herde Büffel angestampft kam... Aber nicht vor der Wut der Schimpansen. Erst hinterher bemerkt man meist, dass einem die Beine schlottern.

 

Und vor menschlicher Gewalt? Besonders zu der Zeit nach Diane Fosseys Ermordung?

 

Nein. Die Regierung Tansanias hat uns immer unterstützt. Meine Mutter verteilte Verteilte Verbandsmaterial und medizinische Hilfsgüter und baute so von Anfang an Kontakt zu den Einwohnern der nächsten Siedlung auf. Es stellte sich heraus, dass deren Anführer ein gefürchteter Medizinmann war. Er liebte es, uns allen vorzustellen. Wir entwickelten eine großartige gegenseitige Beziehung.

 

Welches war für Sie der gefährlichste Moment?

 

Als ich eine sehr steilen Hang hinaufkletterte. Sehr glatt, sehr rutschig. Ich hatte einen Schimpansen verloren, dem ich folgte. Auf Zehenspitzen stand ich an einem Berghang und wollte mich an zwei Felsbrocken festhalten. Dann löste sich plötzlich einer der Steine. Ich hatte eine Ewigkeit Alpträume davon! Der Felsbrocken ist gegen irgendeinen anderen Stein geschlagen und neben mir heruntergestürzt. Hätte er meinen Kopf getroffen, wäre ich jetzt tot.

 

Wie haben Sie im Dschungel gelebt?

 

Die Anfangsjahre: in einem Zelt. Die britische Regierung erlaubte mir nicht, allein zu sein. Also begleitete mich meine Mutter. Wir hatten nur Geld für sechs Monate - in einem Zelt draußen im Wald, jeden Morgen der Nebel... dann haben wir es mit Metallstangen verstärkt. Nach einer Weile entschied die Regierung: Nu, Miss Goodall, Sie sind vielleicht ein bisschen verrückt, aber wir glauben, Sie kommen dort draußen zurecht.

 

Haben Sie etwas vermisst?

 

Nachdem meine Mutter fortgegangen war vermisste ich jemanden, mit dem ich meine Erfahrungen teilen konnte. Aber nichts von den materiellen Dingen.

 

War die eigentliche Schwierigkeit, als junge Frau und ohne Abschluss in den Dschungel zu gelangen?

 

Als ich damals von Afrika träumte, haben mich alle ausgelacht. Wie käme ich dort hin? Afrika stellte man sich als den dunklen Kontinent vor und ich war eine Frau. Wir hatten kein Geld, wir konnten nicht einmal ein Fahrrad kaufen. Aber meine Mutter hat mich immer unterstützt: „Wenn Du etwas wirklich willst, arbeite hart und Du wirst einen Weg finden.“, sagte sie. Ich sparte Geld, um nach Afrika zu gelangen und dort begegnetet ich Louis Leakey.  Zuerst spotteten die Wissenschaftler, weil ich nur ein Mädchen war. Dann veröffentlichte ich einen Artikel im National Geographic – also war ich ein National Geographic Cover Girl. Aber es kümmerte mich nie. Die Arbeit war das, was ich tun wollte.

 

Gibt es etwas,  das Sie ändern würden, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten?

 

Ich wünschte wir hätten uns nicht scheiden lassen, mein erster Ehemann und ich. Es war furchtbar traurig. Ich wünschte, das wäre nicht geschehen.

 

Sie treffen so viele Staatsmänner. Wie erreichen Sie sie?

 

Nun, es ist ziemlich einfach, wenn man mit ihnen gegenüber stehtt, weil man dann Geschichten erzählt. Aber Politiker müssen gegen diese gigantischen ökonomischen Widerstände ankämpfen. Darin liegt das wahre Übel.

 

Wer Sie sieht, erlebt Sie als unglaublich engagiert und idealistisch. Kennen Sie auch Momente, in denen Sie aufgeben wollen?

 

Momente, in denen man von grauenvollen Ereignissen ließt. Die Ölkatastrophe im Golf. Ich denke: 'Das ist grauenhaft. Wo ist der Sinn in alledem?' Aber wo immer ich hingehe treffe ich Leute, die nicht aufgeben. Die Menschen beginnen anders zu denken. Die Regierungen machen so viel Schlechtes, aber wir können gewöhnliche Leute dazu bringen, zu begreifen, dass alles, was wir tun, einen Unterschied bewirkt.

 

Wie sind heute die Lebensbedingungen der Schimpansen?

 

Schlimmer. Viel schlimmer. Sie werden weiterhin gejagt. Sie verlieren weiterhin ihren Lebensraum. Wir weiten unsere Aktivitäten in den Kongo aus und arbeiten mit anderen Organisationen zusammen, die den Schutz des Regenwaldes betreiben. Wir tun einfach, was wir können.

 

Was ist für Sie Ihre wichtigste Entdeckung?

 

Jedes Weibchen zieht seine Jungen auf andere Weise groß. Die Jungen der Weibchen, die gute Mütter sind, haben bessere Überlebenschancen. Dadurch wurde mir die Bedeutung der ersten Lebensjahren klar. 

 

Und die überraschendeste Entdeckungen?

 

Der Krieg, die Gewalt. Ich hatte gehofft, Schimpansen wären besser wären als wir. Aber sie ähneln uns zu sehr. Aufgrund unseres hochentwickelten Intellekts sind nur wir fähig zu wahrem Bösen – und wahrem Guten. Weil nur wir die Konsequenzen unseres Handelns begreifen, sind nur wir zu Schlechtem und Gutem fähig. Wir können entscheiden Leben zu nehmen und Leben zu retten. Im selben Moment sind wir besser als die Tiere und schlechter.

 

Was haben Sie immer bei sich? 

 

Mr. H.

 

Und Whiskey?

 

Ja, und Whiskey. Aber den geben mir die Leute. Ich habe einmal jemanden in Whiskey etwas präparieren sehen. Aber natürlich ist er besser, wenn man ihn trinkt.

 

 

Hier geht´s zur Rezension des Buches! 

 


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