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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:11

Christopher Hitchens: The Hitch

04.11.2011

Der Solidarsolitär

Zelebritäten gehören angezweifelt. Das ist nun mal ihr Beruf. Die meisten implodieren nach gründlicher Prüfung von selbst, mitsamt ihrem Sockel. Kaum jemand in der Welt der veröffentlichten Meinung hat die Prüferei so schonungslos betrieben wie Christopher Hitchens, kaum jemand hat deshalb einen so verlässlich guten schlechten Ruf – als »ewiges Enfant terrible«, »geistiger Pyrotechniker«, »einer der letzten der aussterbenden Gattung der public intellectuals«. Inzwischen ist er selbst seit über einem Jahr todkrank, hat aber bisher jede Deadline schnöde ignoriert. Gerade mischt er in seinem Blog die neuesten Fronten auf – in Sachen Libyenkrieg, iranisches Mordkomplott gegen Saudis in den USA. Bei uns ist jetzt sein vorletztes Buch erschienen. Von PIEKE BIERMANN

 

Das letzte ganz große Thema, mit dem er sich bei den einen endgültig in die Nesseln gesetzt, für die anderen dagegen die Goldene Nahkampfspange der Aufklärung verdient hat, ist sein vehementer Antitheismus. Er nennt ihn so. Atheismus wäre zu zahm. Davor hatte er selbst alte Kampfgefährten vergrault, indem er jeden öffentlich als blauäugigen Feigling beschimpfte, der 9/11 nicht als Produkt islamistischen Terrorismus' erkennen, sondern wahlweise der CIA oder dem Mossad in die Schuhe schieben wollte. Bald darauf plädierte er für den Feldzug gegen Saddam Hussein. Und seine Einsichten in den »Faschismus mit islamischem Antlitz« kamen nicht aus irgendeiner »Aktenlage«, geheim oder nicht. Er hatte sie in vielen, auch gefährlichen Reporterreisen in (Vor-)Kriegsgebiete gewonnen, unter anderem im kurdischen Irak. Befeuert wurden sie vermutlich auch durch die Erfahrungen, die er bei jahrelangen Solidaritätsaktionen für seinen Freund und Kollegen Salman Rushdie sammeln durfte: im Kampf gegen einen als »Fatwa« religiös verbrämten Mordaufruf.

 

Öffentlich auffällig wird Hitchens zuerst in den 1970er Jahren. Da ist er trotzkistischer Aktivist gegen Krieg, Rassismus und kapitalistische Sauereien aller Art. Der glühende Anti-Stalinist, eher Luxemburgist als Trotzkist, nächtigt deshalb gelegentlich in britischen Haftanstalten und reist überall hin, wo er die Sache mit der Revolution leibhaftig erleben kann – nach Prag, Polen, Kuba. Mit demselben genüsslichen Eifer infiltriert er – er hat es gegen alle britischen Klassenschranken geschafft, am allerfeinsten Balliol College studieren zu dürfen – aber auch die Oxforder Clique, die später die Polit- und Kulturelite des untergegangenen Empires bestücken wird. Hier beginnt seine ewige Freundschaft mit Martin Amis. Hier schleift er, nicht selten durch postpubertären Schabernack, seinen Witz und seinen Spieltrieb. Dem anarcho-libertären Geist dieser (vorwiegend) upper class-Bohème bleibt er treu. Er wird einer ihrer Gebildetsten und Scharfsinnigsten, zieht 1981 nach Washington, D.C., schreibt bald in praktisch jedem internationalen Presseorgan von Rang und reist weiter, vorzugsweise in Krisen- und Vorkriegsgebiete.

 

Er lässt sich kein öffentliches Podium, kaum eine Talkshow und schon gar keine Gelegenheit entgehen, sich die scheußlichsten »Mächtigen & Wichtigen« der Welt aus nächster Nähe anzusehen und auszuplaudern, »aus welchem Stoff sie gemacht sind«. Sie kriegen alle ihr Fett ab – von Mutter Teresa bis Bill Clinton, Maggie Thatcher bis Henry Kissinger. Das trägt ihm bei den einen den Ruf des kultur-politischen Adabeis und name-droppers ein, die anderen schätzen seine unbestechliche Hellsicht, seine Solidarität und seine fundierte, elegante Prosa.

 

Hitchens kann man offenbar entweder lieben oder hassen – gleichgültig links liegenlassen geht nicht. Rechts schon gar nicht. Und wenn man seine Memoiren gelesen hat, weiß man auch warum: Es ist die logische Parallele zu seinem »Leben in doppelter Buchführung«. Facettenreich, selbstironisch, auch rührend schildert er, wie er schon früh merkt, dass er eigentlich immer beides gleichzeitig haben will – Dazugehören und Einzig-Sein, Politik und Kunst. Das macht ihn, fast hinter dem eigenen Rücken, zur lebenden Brücke zwischen scheinbar entgegengesetzten Ufern.

 

The Hitch ist das »Making of« eines öffentlichen Intellektuellen, der eigentlich immer aus der »falschen Ecke« kommt. Als Sohn eines vom untergegangenen Empire schmählich behandelten Marinesoldaten geht er unter die Pazifisten, als Kind der Mittelschicht, obendrein einer Mutter, deren jüdische Herkunft erst nach ihrem Freitod zufällig herauskommt, bewegt er sich im Oberklassen-Oxford. Als personifizierte britishness wanderte er in die USA aus, ausgerechnet into the colonies. So einer muss sich immer wieder häuten, um sich treu bleiben zu können: antitotalitär im Sinne seines großen politisch-literarischen Vorbilds George Orwell. Als jemand, der auf alle Fundamentalismen allergisch reagiert. Das ist die logische Klammer um sein ungestümes Leben, seinen vermeintlichen Bellizismus und seinen Furor gegen Religionen jeder Couleur. Das macht aus diesem Buch ein hinreißendes Manifest der Aufklärung.

 

 

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 5. Oktober 2011 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand abrufbar.

 

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