Politik als Problemlöser
Vendola skizziert die Probleme Italiens. Und das sind einige: Die Steuerhinterziehung entzieht dem Staat jährlich rund 120 Milliarden; lediglich zehn Prozent der italienischen Bevölkerung verfügen über 50 Prozent des gesellschaftlichen Reichtums, Konzepte zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung und zur Integration von Migranten sind nicht in Sicht; die erschreckend hohe Jugendarbeitslosigkeit von gut 26 Prozent. Soziale Sicherungssysteme: Fehlanzeige. Die Funktion von Politik mag als Instrument zur Verbesserung der Lebensverhältnisse innerhalb eines Staates verstanden werden. In diese Richtung greifen auch Vendolas politische Ideen. Sein Konzept lässt sich am besten mit dem Begriff »Kooperation« charakterisieren: Zusammenarbeit von staatlichen Stellen mit privaten Investoren zur Sicherung von Leistungen für die Bürger, wobei der Staat immer dann eingreifen soll, wenn der private Markt versagt und nicht das Gemeinwohl verfolgt; Integration von ausländischen Mitbürgern; Zusammenarbeit zwischen Zentralstaat und Gebietskörperschaften zur Sicherung gleicher Lebensverhältnisse in den Regionen und zu einer nachhaltigen, ökologischen Stadtentwicklung.
Die Übersetzung der beiden ausgewiesenen Italien-Kennerinnen, Friederike Hausmann und Petra Kaiser, liest sich vor allem in den Anfangskapiteln sperrig und schwerfällig. Dies mag der Komplexität der behandelten Themen sowie dem Sprachstil des italienischen Originals geschuldet sein. Problematischer scheint die Übersetzung des zentralen Begriffs der »Fabbrica«, die nicht mit Fabrik, sondern mit Werkstatt widergegeben wird. Auf diese Weise schimmert zwar der ursprünglich lokale Bezug der Unterstützergruppen durch, die Fabrik hätte allerdings stärker den Charakter der Arbeiterbewegung betont, der sich Vendolas Partei »Linke Ökologie Freiheit« verpflichtet fühlt. Um seine Geisteshaltung zu verdeutlichen und ideologische Orientierung zu geben, stellt Vendola jedem Kapitel ein Buch-, Musik- und einen Filmhinweis voran sowie ein Zitat, das jeweils thematisch einstimmt.
Aber gelten die beiden politischen Kategorien »links« und »rechts« überhaupt noch? Schließlich sollen sich die westeuropäischen Parteien programmatisch immer mehr gleichen, um für möglichst viele Wähler in der politischen Mitte attraktiv zu sein. Dies gilt laut Vendola auch für sein eigenes Lager, da dieses rechte Politikinhalte lediglich kopiere. Vendola spart daher nicht mit Kritik an den eigenen Reihen: Denn es sei nicht die amtierende Mitte-Rechts-Regierung allein, die ein ausschließlich neo-liberales Programm vertrete, mit dem auf die alleinigen Selbstheilungskräfte des Marktes vertraut werde. Auch das Mitte-Links-Bündnis habe in seiner Regierungszeit diese Ansätze aus politischer Hilflosigkeit verfolgt und sei nicht in der Lage gewesen, alternative Ansätze zu entwickeln.
Insofern stellt Vendolas Manifest eine echte, linke Alternative als Regierungsprogramm dar. Die Programmpunkte überzeugen, auch wenn Vendola nicht immer deren genaue Durchführung erläutert. Einen relevanten Punkt vernachlässigt er allerdings: Wie er Italiens Wähler für sein Programm gewinnen möchte, schließlich steht ein Großteil der italienischen Wähler dem Staat ablehnend gegenüber und beäugt dessen Eingriffe in diverse Wirtschafts- und Sozialbereiche äußerst kritisch. Nach 17 Jahren Berlusconi bedarf es nicht nur einer anderen Richtung von Politik, sondern vor allem einer anderen politischen Kultur, die erst den Boden zur Umsetzung alternativer Politikideen bereitet. Vorwärts nach links wird Italien erst dann gehen, wenn eine Mehrheit bereit ist, mitzugehen.
