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Schmidt / Hoven: Dudenbrooks

23.11.2011

Basteln am Familienroman

Vor vier Jahren hat die Hamburger Comic-Zeichnerin Line Hoven mit ihrem Debütalbum Liebe schaut weg einiges Aufsehen erregt. Jetzt gibt es endlich wieder etwas Neues von ihr. Von YVE BAND

 

»In dem Land, aus dem ich komme, war fast jeder ein Bastler«, schreibt der Autor Jochen Schmidt. Und weil man in jenem fernen Land namens DDR aus dem Mangel eine Tugend machte, wurde »das Leben wieder zum Spiel«.

 

Jochen Schmidt hat sich Regeln gesetzt und ein Spiel gespielt, ganz wie in seiner Kindheit, hat improvisiert, hat gewartet, bis ihm »einfiel, was die Wörter ihm sagen wollten«. Welche Wörter sind so beredt? Die, die er nach einem festen Muster aus dem Duden ausgewählt hat: sieben Wörter und ein Vorname zu jedem Buchstaben. Daraus hat er je eine kurze Geschichte um den jeweiligen Namensträger gebastelt, zusammen ergeben sie laut Klappentext ein »literarisches Alphabet« und einen »Familienroman«.

 

Lachse in der Latrine

Wie bringt man Wörter wie »Olm« und »Organverpflanzung« zusammen? Jochen Schmidt löst das so: »Bei einer routinemäßigen Organverpflanzung fand man in Olafs Körper einen aggressiven Olm …« Wie kriegt man »Lars« mit »Lachs«, »Latrine« und »Lazarett« zusammen? Etwa so: »Lars züchtete heimlich Lachse in der Latrine des Lazaretts«, wo er sie dann mit einer »Lanze« aufspießt.

 

Man kann das machen – und natürlich kennt man solche Experimente aus ein paar Jahrhunderten Literaturgeschichte –, aber Schmidts kleine Texte stimmen mich doch eher skeptisch, ob es eine so großartige Idee ist, auf Teufel komm raus Worte zu Geschichten zusammenzuwürfeln. Das eigentlich Lustige bei derlei Spielen sind ja weniger die Ergebnisse, sondern das Spielen selbst. Was habe ich früher beim Schreibspiel »Onkel Otto sitzt in der Badewanne« gelacht! Wie viele Lachtränen haben wir uns abgewischt, wie haben wir uns auf die Schenkel geklopft und auf dem Boden gewälzt! Aber am nächsten Tag, wenn wir Nonsenssätze wie »Tante Meier pieselt über die Tischkante« oder »Papa Ottilie raucht über der Babyflasche« noch einmal lasen, schienen sie uns irgendwie peinlich, auf jeden Fall nicht übertrieben komisch.

 

Vielleicht ist das Spiel des Autors eine gute Übung gegen Schreibblockaden, vielleicht funktioniert es in einer Tageszeitung als Auflockerung inmitten sinnschwerer Texte, vielleicht bin ich auch zu streng und humorresistent. Ich will das nicht ausschließen, denn bei einigen Texten habe ich doch geschmunzelt, bei anderen über die Einfälle gestaunt.

 

Jochen Schmidt hatte die Texte nun mal geschrieben oder hatte die Idee dazu und sehnte sich nun nach einem »Spielkameraden«, einem »Zeichner«, dem seine Geschichten – wie ihm der Duden – »eine zufällige Anregung wären«. Da entdeckte er Line Hoven. Über die Illustrationen, die sie zu seinen Texten geliefert hat, schreibt er: »Von so einer Erhöhung meiner Texte hatte ich immer geträumt; dass sie zu etwas Realem wurden«, denn seine Worte seien – wie er in ziemlich bemühter Bescheidenheit erklärt – solche, die man »abklopfen kann wie den Staub einer Wanderung«.

 

Gebäck für Geflügel

Das Zusammenbasteln willkürlich gewählter Gegenstände funktioniert in den Bildern tatsächlich besser als in den Texten. Klopft man die Worte nämlich ab und betrachtet die Bilder für sich, sind sie merkwürdig und assoziationsoffen genug. Line Hoven bastelt nicht alle Begriffe stur aneinander, sie weicht ab. Aus einer »Lanze« wird kurzerhand eine Krücke, mit der der »Lachs« aufgespießt wird, und »Peter« wird zum Pinguinliebhaber; das »knutschende Pärchen« sind vor Schreck erstarrte Pinguine, obwohl gerade diese knuffigen Frackträger im Text nicht vorkommen.

 

Die Illustrationen sind in Schabkartontechnik entstanden. Dabei werden aus einem schwarz beschichteten Untergrund die hellen Flächen und Linien herausgekratzt. Eine zeitaufwändige Technik, bei der präzise gearbeitet werden muss. Vielleicht verstärkt diese Technik eine ohnehin vorhandene Neigung der Zeichnerin, ihre Figuren in der Bewegung erstarren zu lassen. Sie halten sich aber in sorgfältig komponierten Räumen auf, die genügend Material zur eigenen Assoziation liefern – vielleicht ergibt sich dann ja doch noch ein »Familienroman«, vielleicht sogar etwas Interessanteres.

 

Auch der Verlag hat sich aufrichtig bemüht, ein schönes Buch zu machen: gelbliches, gutes Papier, brauner, fester verzierter Einband, Vorsatzpapier mit einer Art »Ahnengalerie«, der Innenteil gesetzt in einer Schriftart, die durch die Anmutung einer im Bleisatz gesetzten Schrift hervorragend zur Schabkartontechnik passt – auch wenn die dunklen Kästen, in denen die Texte sitzen, ein wenig an Kondolenzkarten erinnern.

 

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