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Arno Lustiger: Rettungswiderstand

09.11.2011

Von stillen Helden

Öfters hört man von mutigen Menschen, die während der Judenverfolgung im 20. Jahrhundert nicht weggesehen haben. Die ihr eigenes Leben und das ihrer Familien für fremde Menschen aufs Spiel gesetzt und dieses Spiel nicht selten verloren haben. Doch abgesehen von einigen medienwirksamen Beispielen – wie Schindlers Liste – sind im öffentlichen Bewusstsein kaum Erfahrungsberichte und Geschichten bekannt. Bis jetzt, denn der Holocaustüberlebende und Historiker Arno Lustiger hat mit Rettungswiderstand einen umfassenden Bericht vorgelegt; sein Buch ist das lesenswerte Gedächtnis großer und kleiner Heldentaten. Von SVENJA HOCH

 

Denkt man daran, was unter aktivem und passivem Widerstand gegen die Nazi-Diktatur verstanden wird, kommen zuerst politisch motivierte Aktionen in den Sinn. Personen wie die Geschwister Scholl oder Dietrich Bonhoeffer flankieren dieses kollektive Gedächtnis. Und doch waren es vielfach die kleinen und großen Rettungstaten Einzelner, von denen heute kaum mehr gesprochen wird, und das, obwohl sie oft erfolgreicher waren als so manche politische Aktion.

 

Vom Geretteten zum Chronisten

»Rettungswiderstand« nennt Lustiger die Taten einzelner Menschen oder Gruppen, die ihre Nachbarn, Freunde und auch Fremde versteckt, ernährt und damit gerettet haben. Um dieses aktive Aufbegehren Einzelner hervorzuheben, hat Lustiger den Begriff des Rettungswiderstandes überhaupt erst geprägt. Gerade den heimlichen Rettern, den vielfach unbekannten und bisher öffentlich nicht erwähnten Menschen mit Zivilcourage will Lustiger mit seiner Untersuchung, deren Basis eine kleinteilige und oft mühevolle Informationssammlung ist, ein Denkmal setzen. Nicht zuletzt deshalb, weil er sein Leben selbst solchen Rettungswiderständlern verdankt.

 

Dass Lustigers Untersuchung ohne Quellenangaben und einschlägige Nachweise auskommt, liegt an der Lebensgeschichte des Autors: Zunächst handelt es sich bei den Quellen um über Jahrzehnte gesammelte Notizen, stets geleitet von der persönlichen Erfahrung des Autors als Verfolgter und Geretteter und dem Bestreben, diese Aufzeichnungen in Form von Vorträgen zu nutzen. Zweitens hat er nach eigenen Angaben bei der Recherche bis zuletzt nie an ein Buch gedacht und hielt die Quellendokumentation daher für zweitrangig. Trotzdem besticht Rettungswiderstand durch eine ausführliche Bibliografie und ein Namensregister und wird so zum inspirierenden Ausgangspunkt für eigene Recherchen.

 

Vom Boxer bis zum Pfarrer

Da ist das Kindermädchen Janina, das die Familie ihres früheren Arbeitgebers ins Warschauer Ghetto begleitet und schließlich die gesamte Familie nebst zwanzig weiteren Juden rettet, indem sie eine Wohnung im »arischen« Teil der Stadt mietet. Derlei Geschichten von einem Boxer, von Pfadfindern und Pfarrern sowie Organisationen und Rettungsgruppen sind es, die Lustigers Buch so lesenswert machen. Sie füllen den Begriff des Rettungswiderstandes mit Leben und stoßen ganz ohne erhobenen Zeigefinger die Frage an, was man selbst wohl getan hätte.

 

Bemerkenswert ist auch, dass Lustiger jede Form der Hierarchisierung ablehnt. Lediglich die Kategorisierung nach Ländern dient als roter Faden, sonst gibt es keine Unterteilung: Da stehen spektakuläre neben kleinen Rettungsversuchen, in manchen Fällen wurden viele Juden versteckt, dann wieder nur einer und es spielt für Lustiger auch keine Rolle, ob die Rettungsversuche am Ende erfolgreich waren oder nicht. Wichtig ist ihm einzig, die Erinnerung an die »Bereitschaft der Retter, ihre und ihrer Angehörigen Freiheit, Gesundheit und Leben einzusetzen, um denen ihnen manchmal unbekannten Menschen beizustehen und sie zu retten« (S. 15).

 

Arno Lustiger hat mit Rettungswiderstand einen wertvollen Schatz an Geschichten und Erinnerungen zuerst gehoben und nun zusammengetragen. Es ist ein lesenswertes Buch, das nicht nach dem Erfolg von Zivilcourage fragt, sondern an den Mut einzelner Menschen erinnert, die angesichts der barbarischen Judenverfolgung über sich hinaus gewachsen sind. 

 

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