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Kurzpässe

27.10.2011

Herbstreise

Herbstzeit = Erkältungszeit. Kaum fährt man wieder U- oder S-Bahn, hockt man auch schon am Wochenende mit Halsschmerzen und Schnupfennase auf der Couch und trinkt Tee. Wenig Rock’n’Roll aber genug Zeit für ein paar neue Scheiben, die im Herbst rauskommen. Von DAVID EISERT

 

Hinter Admiral Black verbirgt sich das neue musikalische Projekt des irischen Künstlers Shaun Mulrooney. Als Held in der Heimat wurde seine Band Humanzi vor Jahren mit dem Meteor Award ausgezeichnet, was ihm aber nur kurze Zeit befriedigt hat. Wer will schon gerne in einer Reihe mit U2 stehen. Nach Such- und Wanderjahren in den USA strandet er – wie so viele andere vor ihm – im armen, dafür lebhaften Berlin. Dort trifft er zufällig auf den geschätzten Produzenten und Musiker Earl Harvin und nach einem kurzen Plausch am Tresen ist das gemeinsame Tun beschlossene Sache. Das Ergebnis von Songwriting, Proben und Aufnahmen kann man unter dem Titel Phantasmagoric begutachten. Als Produzent und Drummer zeichnet sich Harvin verantwortlich, Mulrooney besorgt den ganzen Rest. Die Songs liegen in der Schnittmenge von Psychedelic-, Garage- und Kraut-Rock. Gut gespielt, gut produziert. In den Neunzigern als Britpop bestimmt vorne mit dabei. Heute wirkt es eher gefällig als der ganz große Wurf.

 

Auch nach `nem Dienstgrad zur See, nur einen Rang tiefer, kommen Captain Quentin aus Italien ums Eck geschippert. Ob sie unter gleicher Flagge wie Captain Caro oder Captain Iglo fahren, ist nicht ganz klar, mit Captain Jack haben sie glücklicherweise nichts gemein. Instrumental Jet Set heißt ihr Machwerk und der Kurs ist klar. Reine Instrumentalmusik, kein Gesang. Sehr handgemacht und analog. Progrockelemente, verquere Rhythmen, Synthieorgien. So Bands proben gerne mal im Studentenwohnheim und spielen auf Konzertreihen, die Charlys Freakshow heißen. Sehr 70er-Jahre-mäßig und wieder ein Beweis dafür, was für abgefahrene Leute in Italien leben.

 

Die Soft Hearted Scientists halten es auf ihrem neuen Album Wandermoon auch schön psychedelisch. Die vier Musiker aus Cardiff haben sich dem Thema »Flüchten als Urlaub von sich selbst angenommen« und darum sechs entspannte Prog- und Psychedelic-Rocksongs komponiert, die beim ersten Hören leicht und locker wirken, aber sehr viele Spannungsebenen besitzen. Sanft und süß die Stimme, harsch und trocken der Humor der Texte. Viele Soundexperimente erinnern an die sehr frühen Pink Floyd, als diese noch mehr mit Drogenexperimenten als mit Geldzählen beschäftigt waren. Das Album ist mit seinen 32:23 Minuten Spielzeit vom zeitlichen Rahmen recht überschaubar aber der Repeat lohnt sich. Wandermoon eignet sich hervorragend als Soundtrack in Dauerrotation für ein, mit guten Freunden verplempertes Wochenende. Cheers!

 

Ebenfalls wenig Bock auf gefällige Liedchen haben Ed Wood Jr aus dem französischen Lille. Wer so einen großen Namen trägt, darf es dem Hörer auch nicht einfach machen. Samples, Loops und eine hart rockende Gitarre bilden das Grundgerüst für die psychotischen Songkonstruktionen, die Oliver Desmulliez und Thibault Doutriaux auf Silence zusammengetragen haben. Der Name ist natürlich nicht Programm, denn still ist hier überhaupt nichts. Eher explosiv und lebendig. Die Gitarre erinnert vom exzessiven Spiel ein wenig an Tom Morello. Je lauter desto besser.

 

Dagegen muten We Were Promised Jetpacks mit In The Pit Of The Stomach eher zahm an. Wobei sie doch so gerne wären wie ihre schottischen Landsmänner von Mogwai. Der Verkaufserfolg ihres ersten Albums aus dem Jahr 2009 brachte ihnen viel Anerkennung und Konzerte mit namhaften Bands wie Jimmy Eat World und Passion Pit ein. In diese Kerbe schlägt In The Pit Of The Stomach auch musikalisch. Melodische, eher ruhige Vocals werden mit lauten, wilden, ausufernden Instrumentalpassagen unterlegt. Bloc Party und die Foals haben ja schon gezeigt, wie man das machen kann. Natürlich schimmern bei dem Sound das Ende der 70er und der Anfang der 80er Jahre immer durch und die Liste der Inspirationsquellen erscheint lang. Aber warum nicht. Mit Picture Of Health und Sore Thumb hat man gleich zwei Songs am Start, die sich um die Hitposition streiten und das Coverartwork ist auch hübsch hässlich geworden. Damit sollte sich also locker das Doppelte verkaufen lassen.

 

Zwölf Monate haben die vier Kanadier von Les Jupes an ihrem Debüt Modern Myths rumgeschraubt bevor sie es nun weltweit veröffentlichen. Kreativer Kopf und besonderes Merkmal der Band ist der Sänger Michael P. Falk, dessen sonore Stimme sofort auffällt Er klingt dem Timbre eines Nick Cave nicht unähnlich. Ähnlich vielfältig sind auch die Kompositionen auf Modern Myths gehalten. Mal melodisch und fröhlich, dann wieder melancholisch und geheimnisvoll. Ein schönes Keyboard in alter DX-7 Tradition zieht wehmütig Parallelen zu den goldenen 80er Jahren, wie bei zeitgenössischem Indie Rock eh üblich. A Caveman returns home to find the Fire has gone out beschreibt die ganze Tragik der Menschheit und This Place owes us erinnert ganz entfernt an die epische Breite der Briten Elbow. Das kann sich doch für den Anfang durchaus sehen und hören lassen.

 

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