Mythenschöpfung aus Absurditäten
Supreme, ein nur notdürftig verklausulierter Superman-Epigone, ein strahlender Held mit gewaltigen Superkräften (»Seine Kräfte sind möglicherweise so schlecht definiert, dass er praktisch zu allem in der Lage ist.«), kehrt nach einem längeren Aufenthalt im Weltraum auf die Erde zurück, auf der aber einiges im Argen liegt: Zwei verschiedene Versionen der Erde scheinen parallel zu existieren und einander zu überlagern, als ob man ein 3D-Bild ohne Brille betrachtet. Mehrere, teilweise kurios verzerrte Versionen seiner selbst tauchen auf und führen Supreme in einen Ort jenseits aller Dimensionen, das »Supremat«, wo er auf eine ganze Legion von Ausgaben seiner selbst trifft.
Dort erfährt er, dass der augenblickliche Zustand der Erde mit einer sogenannten »Revision« zu tun hat, einer periodisch immer wieder einsetzenden Veränderung der Realität, die jedes Mal zur Folge hat, dass eine komplett neue Ausgabe von Supreme entsteht, die dann eine Reihe von Jahren über die Erde wacht – um anschließend, mit der nächsten Revision und dem Auftauchen einer neuen Inkarnation, seine Rente auf alle Ewigkeit im »Supremat« zu verbringen. Mit dieser Story, die er seinem Supreme-Zyklus voranstellt, macht Alan Moore sofort unverblümt klar, was er vorhat: Das ganze Supreme-Universum neu zu erfinden und diese Neuerfindung auch gleichzeitig zum Thema zu machen.
In den folgenden Geschichten erkundet Supreme nach und nach seine »Vergangenheit«, obwohl ihm selbst klar ist, dass diese Vergangenheit gerade erst erfunden wurde. Damit erinnert er an Bastian, den Helden von Michael Endes Unendlicher Geschichte, der das Land Phantasien samt einer schon vorhandenen Vergangenheit neu erfindet. Dass Supreme durchaus Passagen aufweist, die an die Poesie eines Michael Ende heranreichen, obwohl es sich eigentlich als ungeheuer selbstreferenzielle Superman-Parodie liest, beweist einmal mehr Alan Moores Meisterschaft als Comic-Autor.
Die meisten Merkmale, die Moore als Autoren ausmachen, sind auch hier überdeutlich vertreten: die De- und Neukonstruktion von Genremythen (Watchmen oder The League of Extraordinary Gentleman) oder das Bereisen von Dimensionen kollektiver Vorstellungskraft (Promethea). Doch im Gegensatz zu dem oft sehr düsteren Tonfall, den Moore in diesen Werken anschlägt, tummelt er sich hier mit spürbarem Vergnügen auf seiner Spielwiese – und diese Freude überträgt sich auf den Leser in Form eines sehr hohen Unterhaltungswertes.
Wenn immer sich Supreme an seine Vergangenheit erinnert, werden »alte« Ausgaben aus der fiktiven Frühzeit der Comicreihe in die Handlung integriert. Das ist natürlich in erster Linie eine herrliche, sehr liebevolle Parodie auf alte Superman-Geschichten, wird aber nach und nach zu einem Streifzug durch die gesamte Stilgeschichte der Superhelden-Comics. Natürlich ist dieser sehr intellektuelle Spaß, geschaffen vor allem für jene, die sich im Superheldenuniversum gut auskennen. Wer also früher die Superman-Taschenbücher aus dem Ehapa-Verlag gesammelt hat und seitdem ein wenig auf dem Laufenden geblieben ist, was die Entwicklung der Superhelden-Comics angeht, kommt hier viel mehr auf seine Kosten als ein weniger genreaffiner Leser.
Supreme ist in erster Linie Superman, inklusive einem Superhund, einer Schwester mit ähnlichen Fähigkeiten, einer geheimen Festung und einem sehr deutlich an Batman erinnerndem »guten Freund«. Speziell das DC-Universum wird mit großer Detailfreude und Einfallsreichtum liebevoll auf die Schippe genommen. Die mit einem übertrieben sexuell aufgeladenen Körperbau und einem lächerlich knappen Kostüm ausgestattete Heldin »Glory« (alias Wonderwoman) bemerkt in einem nostalgischen Augenblick: »Von den Vierzigern bis in die Sechziger wurde ich alle zwei Monate irgendwo gefesselt! Ist das nur mir passiert oder habt ihr das auch mitgemacht?« Konsequent treibt Supreme alle Absurditäten des Genres auf die Spitze. Wenn die Fantastic Four es einst mit Ego, dem lebenden Planet, zu tun bekamen, dann muss Supreme antreten, um seine Schwester aus der Gefangenschaft von »Gorrl, der lebenden Galaxie« zu befreien.
Doch bei all diesen Kapriolen gelingt es Moore doch immer wieder, über die Parodie hinausweisende Gedankenspiele einzubauen: »Quasare, mysteriöse Signale tief aus dem Weltraum: Mein Gott, sind es tatsächlich die Walgesänge von wandernden Galaxien?« Moore gelingt es, keine der Albernheiten, die vor allem für die 50er und 60er Jahre der DC-Comics bezeichnend waren, auszuklammern und darin trotzdem eine ganz eigene Poesie zu etablieren.