Sie scheinen es selbst nicht zu merken, oder? Dabei ist es schon kurios, dass man sich in diesen feinfühligen Kreisen nicht einmal die in Wirtschaft und Politik schon obligatorisch gewordene »Systemfrage« stellt: Sind wir vielleicht alle auf dem richtigen Weg im falschen Dschungel? Verwechseln wir Krampf mit Kunst? Sehen wir vor lauter Sattheit und Selbstgerechtigkeit nicht mehr, worum es geht? Oder wollen wir es nicht sehen? Weil wir sonst in Gefahr laufen würden, unser Pöstchen im Mastdarm des Kulturhegemons zu verlieren? Im Hortus conclusus der Hochliteratur, wo wir uns in der verbalen Jauche einer Charlotte Roche suhlen? In Sampling-Kultur? Augenzwinkernd natürlich – so wie die Literatur-Glucke Auffermann, deren »gefährlich kreatives« Patenkind 2010 als ziemlich dreiste Abschreiberin demaskiert wurde. Da war die Copy-Paste-Bastelarbeit schon zum Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Die politisch korrekte Tränentrine Iris Radisch verglich das aufgeflogene Wunderkind damals übrigens ohne Zögern mit Heiner Müller, und niemand, wirklich niemand, auch kein versprengter, halbverhungerter Bewohner irgendeines Kulturreservats rückte Frau Radisch für diesen Spruch den schwarzgefärbten Fransenpony zurecht! Zeugte der Vergleich mit Müller, immerhin einem der größten Dramaturgen der Neuzeit, nicht geradezu von Verachtung für Literatur? Und von einer schier unglaublichen Inkompetenz?
Im Grunde möchte man die Antwort lieber nicht wissen. Immerhin, nicht alle der obengenannten kamen über eine geschlechtsdemokratische Personalpolitik in ihre medienpolitische Machtposition, und doch haben sie die gleiche Agenda, die eben keine literarische ist.
Was wir momentan als geistigen Sinkflug in die dröhnende Kulturlosigkeit erleben, ist – überspitzt gesagt und in kleinerem Maßstab – das postmoderne Gegenstück zum Faschismus, gegründet auf der Legalisierung des Privilegs, einem Verhaltenskodex der rigorosen Gleichmacherei und der Herrschaft einer subtilen Pornokratie, die erstaunlicherweise ein feministisches Unterfutter aufweist. Im Entwertungsreigen des Spät- oder Feudalkapitalismus ist einfach alles nur noch »Ware« und »Logo«, also auch Feminismus. Den vielen verhaltensauffälligen Frauen, die heute für die Feuilletons schreiben, geht es wahrscheinlich eher um ihren Lifestyle als um Literatur. Man gehört ja zum juste milieu, hat eine Klassengrenze zwischen sich und die brotlosen, wahren Poeten gebracht, und diese Tatsache verdient es, einmal täglich mit einem Prosecco oder Veuve Cliquot am Szene-Tresen begossen zu werden. Und damit das möglichst lange so bleibt, spielt man auch gerne mal den Steigbügelhalter von Charlotte Roche, deren unsäglicher Textbrei das letzte Sommerloch füllte. Nicht das Buch war der Skandal, sondern die Kritik, die sich querbeet durch den Blätterwald nie zu schade war, kunstlosen Quatsch hochzuschreiben. Wahrscheinlich wollte man dem gemeinen Volk den Spaß nicht verderben oder den Absatz der extrem hohen Erstauflage, die jene von Grass, Walser und Frisch übertraf, nicht gefährden. (Vgl. hier: Thor Kunkel über Schoßgebete)
Doch was geschieht mit Büchern, wenn ihr Warencharakter wichtiger wird als ihr Inhalt? Ganz einfach: Die Literatur verliert ihre Glaubwürdigkeit. Literatur war stets der kompromisslose Versuch des Menschen, einen Teil der Wahrheit jenseits aller Gebrauchswahrheiten zu konservieren. Darin liegen die Kostbarkeit des geschriebenen Wortes und der Wert von Literatur. Denn wesentliche Eigenschaften dieser Welt entziehen sich ökonomischer oder logischer Erkenntnis, um sie zu erfassen, bedarf es Seelenarbeit, nicht Kalkül. Vor allem bedarf es keiner Manipulatoren, die geistige Schutthalden, für die sie die Verantwortung tragen, mit ihrem faulen Sermon berieseln!
Ein gutes Beispiel für diese Haltung ist auch die mäßig erfolgreiche Romanautorin Elke Schmitter, die für den SPIEGEL kritisiert. In der aktuellen Ausgabe ist sie mit einem dürftigen Text über Thomas Brasch, Titel: Heldengedenken, vertreten. Offenbar begreift sie nichts von der Tragik dieses an seinen DDR-Übervater gefesselten Menschen, von dem alle wollten, ja, erwarteten, er sei ein Genie. Als »Ulysses von Berlin« wurde Brasch im Westen empfangen, der Suhrkamp-Verlag bot sich ihm ebenso an wie der Theaterfürst Peymann. Brasch hatte aber noch gar nichts Gescheites zustande gebracht! Auch Schmitter will – wie es scheint – an Braschs Legende mitstricken, über den Roman von Klaus Pohl, einem Theaterkollegen von Brasch, möchte sie daher – so wörtlich – »nicht zu harsch urteilen« und schließt dann mit folgendem Schwulst von einem Satz: »Vielleicht müssen noch einmal zehn Jahre vergehen, bis es eine Erinnerung an Thomas Brasch gibt, die auf den Knien des Herzens entsteht, aber nicht auf dem Rücken der Literatur.«
Das Bild »auf Knien des Herzens« stammt aus einem Brief Kleists an Goethe und ist hier schon deshalb völlig daneben. Selten hat man Archivstaub so laut knistern gehört und selten war die Absicht einer Feuilletonistin so offensichtlich, ein lukratives Terrain mithilfe eines Leitmediums zu annektieren. Mit »Kulturpflege« hat das alles herzlich wenig zu tun.
Dass der Fisch vom Kopf her stinkt, vergegenwärtigt niemand besser als die 1974 geborene FAZ-Feuilleton-Chefin von Lovenberg, die laut Eigenwerbung gerade »mit dem wichtigsten Preis für Literaturkritik«, dem Alfred-Kerr-Preis, ausgezeichnet wurde. Es ist nicht leicht herauszufinden, was sie geschrieben hat, um zu solchen Ehren zu kommen. Einmal abgesehen von ihrem bei Droemer verlegten philosophischen Großwerk Verliebe dich oft, verlobe dich selten, heirate nie?. Sollte Hubert Spiegel diese Nachfolgerin selbst bestimmt haben, müsste er sich eigentlich ex post einweisen lassen. Und wie tönern – fragt man sich da – müssen die Füße so einer Karriere eigentlich sein? Wäre so eine »Spitzen-Journalistin« überhaupt in der Lage, einen Roman von Volker Altwasser oder Walter Kappacher zu erfassen? (Dumme Frage, – natürlich nicht, deshalb rezensierte sie ja auch eine Top-Autorin wie Roche. Sie war die erste, die hier Hochliterarisches schmeckte, und wie erlöst von ihren Hemmungen schrieb sie sich – Schoßgebete lospreisend – um Kopf und Kragen.)
Ihre zu einer Media-Watch-Group mutierte Abteilung scheint inzwischen fette Verkaufszahlen mit ideellem Wert gleichzusetzen. Die Spitzenreiter der Bestsellerliste werden nur noch von den besser verdienenden Journalisten besprochen. Doch die haben in den seltensten Fällen literarischen Anspruch, – die Spitzenreiter versteht sich ... Es ist der sound der upperclass, für die – wie der Fall Guttenberg wohl hinlänglich bewies – Wettbewerbsverzerrung eine Selbstverständlichkeit ist. Ihre elitäre Haltung begründet sich nicht auf Sachkompetenz, sondern der Tatsache, dass sie drinnen sind und die anderen draußen. Man wird sehen, wie lange sich diese company policy in der FAZ hält. Zu all dem wollte sich Frau von Lovenberg übrigens – auch auf wiederholtes Nachfragen – nicht äußern.
Fazit: Mit ihrem ebenso falschen wie abgekarteten Spiel schädigen die Feuilletons nicht nur den Buchmarkt, sie vernichten auch das noch aus den Tagen der Aufklärung stammende geistige Kapitel dieses Landes und löschen Schriftstellerexistenzen aus, indem sie deren Rezeption verhindern. Stattdessen pushen sie Schrott. Erneut drängen sich ein Vergleiche mit den Schlüsselfiguren der Finanzkrise auf, hier wie da offenbart sich ein ethisches Dilemma, hier wie da verweigert man sich, auf die veränderten gesellschaftlichen Umstände zu reagieren. Das Letzte, was wir heute in den Feuilletons brauchen, ist eine »Stupiditätserzeugungskultur«.
Marx regte in seinen Thesen über Feuerbach an, die (Kultur-)Erzieher notfalls neu zu erziehen. Vielleicht ist es nun an der Zeit.
Die Feuilletons müssen wieder zu einer literarischen Heimat werden, ein buntes, traditionsreiches Viertel in einer profanen Stadt, ein paar verwinkelte Gassen mit Seele, mit Menschen, die wirklich dort leben. Dieser Grad der Vertrautheit schärft die Sinne des Lesers im Hinblick auf Aufmerksamkeit und Genauigkeit der Sprache und der Welt gegenüber. Jede Erweiterung des geistigen Horizonts setzt ein Gefühl von Zugehörigkeit voraus. Wenn es den Feuilletons gleich ist, ob man sie liest oder nicht, wenn sie ihrer »Kulturmission« nicht gerecht werden wollen, dann sollten sie gehen und ihre verkappte Industrietätigkeit besser bezahlt in der echten Industrie fortsetzen. Als Pressesprecherin von Procter & Gamble oder Pfanni wäre Frau von Lovenberg sicherlich gar nicht so schlecht.
