Das »Gibson Girl« ist das früheste der über 900 Mädchen, die der farbige Hochglanzband vorstellt. Ihr Alter sieht man der 1887 geborenen Schönheit mit dem aufgetürmten Haar und der Wespentaille nicht an. Nachdem sie zwei Jahrzehnte von Gibsons satirischen Zeichnungen und Alltagsobjekten vom Kopfkissenbezug bis zum Zierteller ihren Verehrern zugelächelt hatte, war sie so jugendlich und frisch wie ihre Nachfolgerinnen von George Quintana, Enoch Bolles und Alberto Vargas. Die Figur der Pin-ups hatte sich kaum verändert: schlank, aber kurvenreich, mit mädchenhaftem Gesicht und strahlendem Lächeln. Der entscheidende Unterschied liegt in ihrem Auftreten.
»You´re my little pin-up girl, honestly, You are, To me You have the grace of an angel, the face of a movie star« (Mack Gordon)
Die Modelle der Jazz-Ära und wilden Zwanziger sind frivoler als ihre sanfte Vorgängerin. Selbst ihre Nachfolgerinnen aus den 40ern und 50ern, dem Goldenen Zeitalter der populären Aktkunst für jedermann, besitzen nicht den aufmüpfigen Charme der zweiten Generation Pin-ups. The Great American Pin-up – das ist Gil Elvgreens, wie es der Titel des schäkernden Diskurses in Kunstgeschichte zeigt. Seine Erotik ist unbeabsichtigt wie ein Rock, der sich an einem Zaun verfängt, eine Laufmasche im Strumpf oder ein Klecks auf dem Dekolleté, ohne dabei verschämt zu sein. Die originellen Situationen, in denen man die Mädchen ertappt, verleihen den Bildern den humorvollen Charme und die Unschuld, die es ihnen gestattet, in den sauberen USA Ende der dreißiger bis Mitte der sechziger Jahre zu Ikonen des All American Way of Life zu werden.
Honeys, Sweeties, Sugars: Eyecandy – Cheesecake. Die Koseworte für die hübschen Mädchen von nebenan, den visuellen Genuss, den das Ansehen bereitet, und das Slang-Wort für die neckischen Bilder geben den Oberbegriff für den im Taschen Verlag erschienenen Kunstband: Augenschmaus. Das meistpublizierte Modell aus Fleisch und Blut war Schauspielerin Betty Grable. Ihr Blick verhieß eine naive Sexualität, die sich ihrer Verführungskraft nicht bewusst war. Das klassische Pin-up ist das Gegenbild der einschüchternden Femme fatale – und dennoch alles andere als ein Symbol weiblicher Unterdrückung.