Die Regeln der Gesellschaft
Ethisch handeln, schreibt Wickert, »bedeutet nichts anderes, als die Regeln der Gesellschaft einzuhalten«. Stimmt das? Offenbar ist das ein Desiderat, nicht eine Definition, eine Beschreibung der Realität. Die Regeln der Gesellschaft, in der wir leben, dienen nicht ethischen Handlungen, sondern genau dem ökonomischen Prinzip, das Wickert dem ethischen Handeln entgegenstellt. Dafür bringt er selbst zahlreiche Beispiele, etwa aus dem Bereich der Korruption. Die (unmoralische!) Bereicherung einiger Weniger auf Kosten der Mehrheit wird von unserer Gesellschaft nicht nur geduldet, sie wird durch Gesetze und Ideologie gefordert oder zumindest positiv bewertet. Dass niemand hungern, ohne Wohnung überwintern, bei Krankheit den Arzt nicht bezahlen können oder seinen Kindern keine gute Erziehung ermöglichen können sollte, dürfte wohl ethischer Konsens sein. Aber sind die Regeln unserer Gesellschaft derart beschaffen, dass sie dies auch garantieren?
Nachdem Wickert verschiedene Missstände genannt, knapp analysiert und kritisiert hat, referiert er kurioserweise den Fall einer »weltweit operierenden Aktiengesellschaft«, der beweisen soll, dass Profit und Moral sich nicht widersprechen. Nun ja, sie widersprechen sich nicht im Sinn eines ehernen Gesetzes. Es gibt – »gelegentlich« – Ausnahmen. Aber das ändert nichts an der von Wickert selbst mehrfach belegten Tatsache, dass die Moral in Gefahr ist, wo der Profit zum obersten Prinzip wird und alles als schädlich gilt, was ihm im Wege steht. Warum relativiert Wickert seine eigenen Einsichten? An diesem Punkt wirkt er wie die personifizierte Sozialdemokratie. Man fordert mehr Rechte für die Unterprivilegierten und deutet den Privilegierten mit einem Augenzwinkern an, dass sie nichts zu befürchten haben, wenn sie nur vernünftig sind und ein bisschen von ihrem Profit abgeben. Ob das jenen, die die Wall Street besetzen, reicht? Sie könnten ja mehr werden … So mündet denn das Buch in den windelweichen Satz: »Alles menschliche Handeln muss auf der Achtung der Würde des anderen basieren.« Einverstanden. Aber auch dieser Satz ist wenig originell. Auf dem Buchumschlag wird Brecht zitiert: »Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.« Das ist ja wohl etwas mehr als die Achtung der Würde. Wickert scheint es im Lauf der Niederschrift seines Buchs aus den Augen verloren zu haben.
Wickert schreibt verständlich. Er unterfüttert seine Überlegungen, nach dem Muster amerikanischer Sachbücher, mit anekdotischen Fallbeschreibungen sowie Zahlen und Fakten, die dem aufmerksamen Zeitungsleser allerdings schon begegnet sein sollten. Fußnoten und Quellenangaben erspart Wickert seinem Publikum. Er schreibt über ein durchaus wissenschaftliches Thema als Journalist, was die Lektüre erleichtert und die Überprüfung erschwert. Aber was immer er tut: das Buch wird sich verkaufen. Man kennt ja den Autor persönlich. Er war vor ein paar Jahren täglicher Gast im Wohnzimmer.