Bevor Alfred Vogel sich der Jazz-Avantgarde verschrieb, sammelte er zahlreiche Erfahrungen im Rock und Funk, wobei ihm unabhängig von der Stilrichtung eine Portion Soul im Sinne emotionaler Nähe wichtig ist. Besonders entscheidend wird der Draht zum Mitmusiker, wenn man sich der Improvisation – Vogel nennt es »real time composing« – widmet. Der 1972 in Bregenz geborene Vogel führt seit 2004 sein eigenes Label Boomslangrecords, was ihm Freiheiten verschafft, die er nur allzu gerne nutzt. So stellt Vogelperspektive nicht weniger dar, als den Auftakt zu einer fünfteiligen CD-Reihe, einem Zyklus der sich noch über das Jahr 2012 erstrecken wird. Auf seiner ersten Flugstrecke wird er begleitet von John Schröter (Fender Rhodes, Drums), Billy Martin (u.a. Lounge Lizards / »Pots and cans«), Kalle Kalima (Gitarre), Christian Lillinger (Drums), David Helbock (Keys, Elektronik) und weiteren Musikern.
Jazz ist der Begriff, den Vogel am ehesten heranzieht, um die Klangexperimente zu beschreiben, die hier entstanden sind. Vogel, der unter anderem in New York, Inbegriff von Urbanität wie Heimat des avantgardistischen Jazzgeschehens, Inspirationen gesammelt hat, scheint einer jener Menschen zu sein, die die Kreativität der Metropole in die Provinz zu verlegen imstande sind. Dabei kommt es nicht etwa zu Qualitätsverlusten, sondern zu einem spürbaren wie fruchtbaren Aufeinandertreffen von Gegensätzen. Ob im gleichzeitig cineastisch wie abgespaced daherkommenden Man on the harmonia, das als Referenz an Morricone zu lesen ist, dem bitchy Crossfade brew oder der über 10-minütigen Facebook love affair: hier herrscht keine Sekunde Langeweile oder Beliebigkeit, und man kann sich in der Tat vorstellen, dass diese Musiker auch auf vier weiteren Alben mit ihren Improvisationen begeistern werden. File under Postjazz, Postrock, Alpenlandavantgarde oder Doom 3000. Egal, aber Reinhören ist Pflicht für alle Hörer mit offenen Ohren!