Im Herbst des Lebens
Söllner hat seinen Biss nicht verloren, wirkt aber variantenreicher und zugleich kompakter denn ja. Woran natürlich seine Band Bayamann Sissdem ihren Anteil hat. Die Liebes-, Lebens- und Abschiedslieder entstammen verschiedenen Phasen und Zuständen der Vergangenheit, werden aber mit neuem Sound zu zeitlosen Momentaufnahmen. »Die Zustände bleiben immer dieselben, nur der Rhythmus ändert«, weiß Söllner. Mit entsprechender Lebenserfahrung stellt sich manche Idee oder Ideologie der Jugendzeit als naiv heraus, die Realität scheint oft hoffnungslos – all das spricht aus diesen Stücken; aber auch der Mut, seinen Weg – mit variierenden Rhythmen – weiter zu gehen. Ohne die Augen zuzumachen, mit einer gewissen Wurstigkeit und aller Liebe, die in uns steckt.
Der Tod spielt ungewohnt oft eine Rolle auf Mei Zuastand: »I glab, dass I erst frei bin, wenn I dod bin«, heißt es in Runda Disch, einem Song in dem Söllner davon singt, dass er gerne einmal für eine Stunde Probesterben würde um seinen Vater, Bob Marley und den Chef schon mal zu treffen und bei Gefallen auch dazubleiben. In Im Herbst (Kai) erläutert er mit großem Humor, warum er nicht im Sommer sterben will – kurz vor Weihnachten wäre hingegen genehm. Die Jamaika-Flagge weht kaum durch das Album, auch wenn schon mal mit Gott eine durchgezogen wird. Grea Göib Roud (Grün, gelb, Rot) sind auch die Blätter im Wandel vom Sommer in den Herbst. In gleichnamigem Song ertönen Banjo und Geige statt Steeldrums. Söllner ist wohl im Herbst seines Lebens, und das ist eine schöne Jahreszeit. Sein künstlerischer Zustand ist ein sehr guter.