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Kurt Weill: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

08.12.2011

Weil man hier alles dürfen darf

Es ist das Verdienst von Gerard Mortier und Klaus Zehelein, die in Brüssel und Frankfurt am Main die bedeutendsten Regisseure des (deutschen) Sprechtheaters einluden und ermunterten, sich am Musiktheater zu versuchen, dass die Oper heute oft auch visuell und dramaturgisch aufregender und interessanter ist als das dramatische Theater. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Viele von den aufgeforderten Regisseuren lieferten höchst originelle Inszenierungen, fanden Geschmack an einer Bühnenkunst, die ihnen doch ganz neue Zwänge auferlegte – die Musik hat schließlich ihre eigenen Gesetze, was unmittelbar einsichtig ist, wenn man bloß an die Tempi denkt –, und manche haben sich ganz oder vorwiegend der Oper zugewandt. Der typische Opernregisseur, wie es Walter Felsenstein, Ruth Berghaus, Götz Friedrich, Joachim Herz, Herbert Wernicke, Harry Kupfer oder noch Peter Konwitschny waren und sind, ist eher zur Ausnahme geworden. Was Mortier und Zehelein in die Wege geleitet haben, ist mittlerweile die Regel.

 

Aber nicht jeder Regisseur des Sprechtheaters war auch in der Oper erfolgreich. Peter Zadek, der wohl bedeutendste deutsche Theaterregisseur seit Brecht und Kortner, hat es zwar probiert, ist aber an der Oper gescheitert. Er selbst hat es jedenfalls so gesehen. Freilich, wenn ein Genie seines Talents scheitert, ist das immer noch spannender als das »Gelingen« bei mittelmäßigen Begabungen. 1998 inszenierte Zadek auf Einladung von, ja, eben: Gerard Mortier bei den Salzburger Festspielen Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Bertolt Brecht und Kurt Weill, und zwar auf der überdimensionalen Bühne des Großen Festspielhauses. Die Wahl des Stücks war für Salzburg ebenso ungewöhnlich wie die Wahl des Regisseurs. Eine kleine Anekdote en passant: Vor mir saß damals ein Herr, der sich lautstark darüber echauffierte, dass ich an diesem heißen Sommerabend kein Sakko trug. Eine Oper anschauen, die von der Katastrophe des Kapitalismus handelt – aber bitte nach Kleiderordnung: das ist schon ein Witz für sich. Wie groß aber war meine Befriedigung, als das Orchester auftrat und im Graben Platz nahm: Die Musiker trugen kurzärmelige Hemden. Den Smoking hatten sie diesmal im Schrank hängen lassen.

 

Bemerkenswert

Jetzt liegt die Salzburger Inszenierung als DVD vor. Kurt Weills Kompositionen bilden in der Parabel über eine Gesellschaft, in der es das größte aller Verbrechen ist, kein Geld zu haben, mehr noch als in der Dreigroschenoper mit Brechts Libretto eine Einheit. Die Hochachtung für diese Musik drückt sich auch in der Besetzung aus. Mit Dennis Russel Davies hat man sich einen der profiliertesten Kenner der Musik des 20. Jahrhunderts nach Salzburg geholt, mit dem Radio-Symphonieorchester Wien, dessen Chefdirigent Davies damals war. Man kann Mahagonny auch von Schauspielern singen lassen. Wenn man sich aber für große Oper entscheidet, dann darf man mit Stimmen nicht geizen. Für die Rolle der Leokadija Begbick stand in Salzburg Gwyneth Jones zur Verfügung. Sie spielt die Puffmutter als elegante Geschäftsfrau, emanzipiert und selbstbewusst, ganz die »Dame«, zu der sie im wirklichen Leben geadelt wurde. Catherine Malfitano gibt die Jenny mit herausfordernder Erotik. Sie scheint die ideale Besetzung. Bei den Männern arbeitet Zadek das Komödiantische heraus, die Clownselemente, die Brechts Libretto ebenso enthält wie Becketts Warten auf Godot. Und auch die Revue, die er sowieso schätzt, beutet Zadek für sein Mahagonny aus.

 

Das Bühnenbild von Richard Peduzzi und die Kostüme von Norma Moriceau sind im Vergleich zu den Entwürfen von Johannes Grützke, mit dem Peter Zadek sonst gern zusammenarbeitete, eher konventionell. Allzu sehr sollte das Salzburger Publikum offenbar nicht überfordert oder gar erschreckt werden. Immerhin ist die Handlung, wenn man sie ernst nimmt, provokant genug.

 

Nein, an die großen Sprechtheater-Inszenierungen Zadeks kommt dieses „Mahagonny“ nicht heran. Aber bemerkenswert ist doch, dass der Regisseur, der zum politischen Theater eher kritische Distanz bewahrte, ausgerechnet hier, in der Oper, gegen Ende zunehmend, seine vielleicht politischste Arbeit abgeliefert hat. Ist das der Überzeugungskraft Brechts zu danken? Der Überzeugungskraft eines Dichters, der wusste, dass auch politische Kunst nur dann ihre Wirkung entfalten kann, wenn sie vor allem eins ist: Kunst.

 

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