Fakten und Impressionen
Die Wiener Anthropologin Ines Kohl zeichnet für zwei Artikel über die nichtarabischen Minderheiten Libyens verantwortlich, Tuareg und Berber. Während Gaddafi die Tuareg äußerst hochschätzte (»Libyen – Land der Tuareg«), ihnen in Libyen Zuflucht bot und sie fallweise im Sahel militärisch unterstützte, wurden die Berber Libyens offiziell verleugnet, jedenfalls bis zum ersten Berberkongress in Tripoli 2007. Leider wird nicht klar, was hier nun einfach notorische Sprunghaftigkeit des Revolutionsführers war, was später antikolonialer Reflex und was gewollte Repression. Beide Artikel leiden unter inneren Widersprüchen (so durften im ersten die Tuareg ihre Sprache nicht benutzen, im zweiten aber schon), der Berberartikel zudem unter einer extrem schmalen Quellenbasis.
Ein ähnliches Problem stellt sich auch im Beitrag des Herausgebers Edlinger zur Person Gaddafis, der sich allein auf ein einziges Treffen 1974, Schriften Gaddafis und auf das Buch der Journalistin Renate Poßarnig stützt. Edlinger ist dennoch bemüht, abseits von Vorstellungen wie Gaddafi sei keine »nach europäischen Denkmustern logische Persönlichkeit« (S.132) zu einer verlässlichen Einschätzung des Revolutions- und Staatsführers zu kommen.
Der irakische Diplomat Awni S. al-Ani, Leiter des UN-Entwicklungsbüros in Tripoli 1988-1992 und 1997-2001, beschreibt seine persönlichen Erfahrungen mit dem Land und seinen Behörden. Trotz des impressionistischen Stils finden sich hier wertvolle Informationen zur Funktionsweise der weiland Volksdschamahiria, den völkerrechtlichen Aspekten der Behandlung der Lockerbie-Affäre durch Libyen und zur überbordenden Korruption nach der Privatisierungswelle 2004, zweifellos einem der Auslöser des Aufstands von 2011.