Beckmann und Amerika - im Frankfurter Städel Museum
22.12.2011
Schwere ästhetische Nüsse knacken
Mit der Besprechung des Katalogs der Frankfurter Schau Beckmann & Amerika beschließt SEBASTIAN KARNATZ den außergewöhnlichen 2011er Beckmann-Marathon.
Beckmann & Amerika – »finally« würde der Protagonist selbst wohl im radebrechenden Englisch dazu sagen. Nur knapp drei Jahre hat Max Beckmann in Amerika verbracht. Es sollten die letzten Jahre seines von der Erfahrung von zwei Weltkriegen und von wechselnder Anerkennung geprägten Lebens sein. Am 27. Dezember 1950 bricht Beckmann bei einem Spaziergang am Rand des Central Parks auf der Straße tot zusammen.
Doch die drei Jahre in Amerika können als eine Phase der persönlichen Konsolidierung nach den bitteren Erlebnissen des Amsterdamer Exils gelten. Beckmann wird noch einmal als Malerstar gefeiert, verkehrt in den höchsten Kreisen der amerikanischen Kulturelite und findet sowohl in St. Louis, wo noch heute das St. Louis Art Museum mit seinen gewaltigen Beständen von Beckmanns Anwesenheit bildliches Zeugnis ablegt, als auch in New York einen kleinen Kreis von Intellektuellen und Kunstliebhabern.
Abstürzender, 1950,
National Gallery of Art,
Washington
Auch der malerische Ertrag des Amerika-Abenteuers, das Beckmann wie angedeutet ohne nennenswerte Englisch-Kenntnisse auf sich nahm, kann sich sehen lassen: Im Vergleich zur enorm produktiven Amsterdamer Phase scheint der Ausstoß an kreativer Energie kaum nachzulassen, auch wenn sich Formen und Farben noch einmal neu zusammenballen und so ein ganz eigenes Spätwerk entstehen lassen, das sich deutlich von den vorangegangenen Werken abhebt, ohne jedoch mit der individuellen Tradition des Künstlers zu brechen.
Knallfarbige Abbreviaturen
Beckmanns Spätwerk gibt selbst den Kennern seines Oeuvres schwere ästhetische Nüsse zu knacken. Es kann plakativ und wuchtig wirken wie in dem ikonisch geworden Gemälde Abstürzender (1950), das uns eine Figur im nahsichtig eingefangenen Schwebezustand zwischen Himmel und Erde zeigt; es kann allerdings auch die fast schon naive malerische Simplizität des Gemäldes Pompeï-Clowns (1950) annehmen, das zwar motivisch in einer Art Schnelldurchlauf noch einmal alles an bekannten Beckmannschen Bildchiffren auffährt – Maskierte, Musizierende, antikisierende Gewandung, Kerzen, eine (Welt-)Kugel etc. –, dabei allerding Gegegstände und Personen in einer scheinbar oberflächlichen, knallfarbigen Abbreviatur wiedergibt; es kann sich aber ebenso zu komplexen, malerisch fein ausgearbeiteten Kompositionen wie dem letzten Triptychon Argonauten (1949/50) aufschwingen. All dies sind fest Bezugspunkte eines nur schwer charakterisierbaren »amerikanischen« Spätwerks.
Dass das Frankfurter Städel – Wirkungsstätte des Maler in den künstlerisch und gesellschaftlich extrem fruchtbaren 20er Jahren – nun dem Spätwerk eine eigene Ausstellung widmet, ist angesichts des großen Erfolgs der Münchner Schau »Exil in Amsterdam« (2007) fast folgerichtig. Auch für den Katalog sehen die Voraussetzungen durchaus rosig aus: Das Städel hat für seine Schau repräsentative Leihgaben zusammengestellt und mit einigem konzeptionellen Augenzusammendrücken auch in Amerika befindliche Werke gänzlich anderer Schaffensphasen nach Frankfurt verschiffen lassen. Darunter befinden sich Hochkaräter wie das erste Triptychon Abfahrt (1933) und die expressive Kreuzabnahme aus dem Jahr 1917. Zudem scheint auch das wissenschaftliche Feld ordentlich bestellt: Mit Anabelle Kienles 2009 erschienener Dissertation liegt zumindest ein solider Grundstein für jegliche weitere Beschäftigung mit mit dem Thema Beckmann und Amerika vor.
Solide, aber ohne den zündenden Funken
Trotz dieser Ausgangslage bleibt der geneigte Leser und Betrachter nach der Lektüre des Frankfurter Katalogs allerdings etwas umrätselt zurück. Ein funkensprühendes Vergnügen – wie es sich beim jüngst besprochenen Leipziger Katalog finden lässt – wird aus der Lektüre von Beckmann & Amerika nicht. Der Eröffnungsartikel von Julia Schütt gibt die Richtung vor: sicherlich solide und durchdacht, allerdings ohne eine letztlich zündende, ordnende Idee. Nur der ideele Hauptbeitrag des Katalogs, die von Julia Schütt und Christiane Zeiller betreute Zusammenstellung von Zitaten, Texten und Fotos unter dem Titel Time-Motion, wirkt anregend und belebend für den Katalog. Schütt und Zeiller versammeln hier etliche bedenkenswerte Marginalitäten als »Kaleidoskop in Bildern und Worten«.
Argonauten, 1949/50,
National Gallery of Art,
Washington
Die weiteren Beiträge des Katalogs können dieses Niveau jedoch kaum halten – ohne dabei allerdings, soviel muss gesagt werden, aus dem Rahmen der wissenschaftlichen Solidität auszuscheren. Selbiges gilt auch für die umsichtigen Katalogeinträge. Interessante kleine Essays finden sich erst wieder am Ende des Kataloges: Ursula Harter beschäftigt sich mit Beckmanns Verhältnis zum »schwarzen Amerika« und David Anfam versucht Parallelen zwischen Beckmanns Malerei und dem Abstrakten Expressionismus herzustellen. Während ersterer Aufsatz Staunenswertes zu Tage fördert, beschränkt sich Anfam leider allzu leichtfertig auf die Theoreme der impliziten Beeinflussung durch ähnliche Umstände: »Dass diese drei schöpferischen Akte (von Beckmann, dem Maler Willem de Kooning und dem Photographen Aaron Siskind) entstanden sind, ohne dass einer vom andern auch nur Notiz genommen hat, ist bemerkenswert und Ausdruck der zufälligen und doch bedeutsamen Übereinstimmungen zwischen Beckmann und den Abstrakten Expressionisten.« Zufällig aber doch irgendwie bedeutsam ist leider selbst für einen kleinen Katalogbeitrag zu wenig.
Doch trotz allem zeigt gerade Anfams Essay, was in diesem Katalog möglich gewesen wäre: die Durchleuchtung des geistesgeschichtlich immens spannenden Zusammentreffens unterschiedlichster Strömungen der modernen Kunst im Amerika der Kriegs- und Nachkriegszeit. Nur spärlich wird beispielsweise das Zusammentreffen von Beckmann und Thomas Mann auf der Amerikaüberfahrt thematisiert, auch das gewaltige kreative Potential der europäischen Exilantengemeinde wird – sofern es nicht Beckmann direkt betrifft – nicht thematisiert. Die Tradition des amerikanischen »Künstlerhypes«, den unter anderem ja auch Salvador Dalí bei seinen USA-Reisen in übersteigerter und freilich zu einem großen Teil selbstinszenierter Form erlebte, spielt für die Ausführungen im Katalog ebenfalls keine Rolle.
Zwingend notwendig sind diese Themenkreise für einen soliden Katalog zum Schaffen des deutschen Malers Max Beckmann in den USA nicht – für eine anregende und von einem großen Publikum mit Gewinn zu lesende Lektüre allerdings schon.
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