Dazu bietet der Band einen fortlaufenden historischen Rahmentext von der Vorgeschichte des umstrittenen Landes bis zum israelischen Überfall auf Gaza 2008/09. Eingebettet in den Text sind thematische Blöcke, die wie auch der Anhang Dokumente und Analysen ausgewählter Einzelfragen enthalten. Einige dieser thematischen Blöcke sind ausgesprochen wertvoll, so der zum Ablauf der Vertreibung von 1947/49 von Federico Lastaria oder die zur weiteren Information nützliche Beschreibung jüdischer Organisationen und Einzelpersonen (mit Links) gegen den israelischen Terror von Paola Canarutto und Giorgio Forti. Aber warum fehlt hier ein Hinweis auf den Antizionismus der orthodoxen Juden?
Anders sieht es mit dem historischen Rahmentext aus. Dieser (anonyme) Text ist über weite Strecken konfus, ohne einschlägige Vorkenntnisse oft schwer verständlich und gespickt mit kleineren und größeren Sachfehlern. Eine Einteilung in Sinnabschnitte fehlt, stattdessen hangelt sich die Erzählung chronologisch und in der neueren Zeit von Massaker zu Massaker vorwärts. Ausgesprochen ungeschickt ist die thematische Unbalanciertheit des Textes. Der Schwarze September 1970, die PLO im libanesischen Bürgerkrieg oder ihre von Syrien inszenierte Vertreibung aus diesem Land bekommen jeweils kaum einmal eine halbe Seite Platz – deutlich weniger als das bronzezeitliche Palästina.
Eine Richtigstellung der Sachfehler würde den Rahmen der Rezension sprengen. Die nicht minder zahlreichen unverstandenen und unverständlich dargestellten historischen Schlüsselereignisse sind ohnehin viel problematischer. So wird mehrfach betont, der Zionismus sei ein Sonderfall des europäischen Kolonialismus. Aber was heißt das? Die Bedeutung der sogenannten 2. Alijah mit ihrer Idee der »Eroberung der Arbeit« wird nicht erkannt und nicht analysiert, obwohl sie dem Zionismus lange sein nichtkapitalistisches (nicht sozialistisches) Gesicht gab und implizit die physische Verdrängung der Palästinenser vorausnahm.
Die Autoren haben ebenso wenig die soziale Gebundenheit und politische Beschränktheit der frühen palästinensischen Nationalbewegung der 1920er und 1930er Jahre verstanden, die ja eine der Ursachen für ihre Niederlage wurde; unverstanden bleibt auch die Bedeutung des Schicksalsjahres 1929/30, unverstanden die Folgen des Aufstands von 1936/39 und so vieles mehr. Soweit die jüngere arabische Geschichte außerhalb Palästinas in den Blick kommt, erscheint sie so chaotisch wie bei traditionellen deutschen Leitartiklern.
Besonders unglücklich war die redaktionelle Entscheidung, den Text »nicht mit Literaturangaben zu überfrachten« (S.223). Zahllose Informationen und sogar wörtliche Zitate (in Anführungszeichen!) müssen so ohne Nachweise auskommen, einschließlich extrem brisanter Streitfragen (wie beispielsweise die umstrittene Mossad-Beteiligung am Synagogenanschlag in Bagdad 1951). Die kurzen Literaturhinweise (anstelle einer kommentierten Literaturliste) gleichen das nicht aus.