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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:30

Michel Onfray / Maximilien Le Roy: Nietzsche

18.01.2012

Eine Brücke auf dem Weg zum Übercomic?

Ein Bio-Pic in vielen einzelnen Pictures: Mit Unterstützung des Zeichners Maximilien Le Roy hat der französische Philosoph Michel Onfray sich an eine Comic-Umsetzung des Lebens von Friedrich Nietzsche gewagt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen – allerdings mit gewissen Einschränkungen, meint CHRISTIAN NEUBERT.

 

Erfolgreiche Musiker machen Parfüm und Mode, erfolgreiche Schauspieler schreiben Biographien und machen Musik. Klar, dass sich da auch Bestsellerautoren in anderen Metiers versuchen wollen – vorrangig natürlich im Film. Und wenn Richard David Precht, unser Aushängeschild für populärwissenschaftliche Abhandlungen philosophischer Stoffe, ein verfilmtes Drehbuch vorweisen kann, dann muss ein Michel Onfray selbstverständlich nachziehen. Immerhin wird der frische Franzose in fast so viele Sprachen übersetzt wie uns´ Richard.

Onfray, der in Caen eine Privatuniversität betreibt und mit Büchern wie Wir brauchen keinen Gott –  Warum man jetzt Atheist sein muß und zuletzt mit Anti-Freud – Die Psychoanalyse wird entzaubert von sich reden machte, hat ein Drehbuch für einen Film über Friedrich Nietzsche geschrieben. Zur Umsetzung des Projekts kam es allerdings nicht, es scheiterte an den fehlenden finanziellen Mitteln. Dafür ist das Drehbuch an Maximilien Le Roy geraten, einem jungen Zeichner, dessen Comics bisher nicht in deutscher Sprache vorliegen. Mit diesem Künstler an seiner Seite hat sich Onfray dann entschieden, sein Drehbuch als Comic zu inszenieren.

 

Der Philosoph mit dem Hammer als Zeichnung mit dem Kohlestift

Le Roy hat in dem Comic ganze Arbeit geleistet. Seine mit warmen, eher düsteren Farbtönen kolorierten Kohlezeichnungen sind trotz geringer Detailfülle sehr realistisch und zeugen von guter Recherchearbeit. Immer wieder hat er expressive, zeichnerisch experimentelle Bilder zwischen die Panels montiert, was zum einen ein Fest für die Augen ist und sich zum anderen gut dafür eignet, etwa die Migräneattacken, an denen Nietzsche litt, greifbar zu machen.

So sind es vorrangig die Bilder, die die chronologische Nachzeichnung von Nietzsches bewegtem Leben zu einem Lesevergnügen machen. Doch auch Onfray überzeugt als Autor des Comics, indem er ein gutes Händchen für das Sujet bewiesen hat. Denn das, was man ihm eventuell als Fehlleistung vorwerfen könnte, ist in Wirklichkeit eine gute Entscheidung: Der Comic lässt den Leser kaum an Nietzsches Lehre teilhaben. Onfray war schlau genug, sich hauptsächlich auf den Menschen Nietzsche zu konzentrieren und den Denker weitestgehend außer Acht zu lassen. Eine Einschränkung, die keine Kapitulation bedeutet, sondern von der Einsicht zeugt, dass sich Nietzsches Philosophie nun mal schlecht mit einigen Bildern auf wenigen Seiten festhalten lässt – auch wenn der Comic mit 128 Seiten alles andere als dünn ist.

 

Mit dem Fokus auf den Menschen, nicht auf dessen Werk

Onfrays Nietzsche-Comic zeigt den Philosophen als einen zerissenen Menschen und bemüht sich dabei vor allem um eins: um die Richtigstellung des nach wie vor weit verbreiteten Irrglaubens, Nietzsche sei ein Kriegstreiber, Frauenfeind und Antisemit gewesen; Prädikate, die er seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche zu verdanken hat, die sein Werk posthum verfälschte. Zu diesem Zweck wird manchem eher unbedeutenden Ereignis im Leben des Philosophen viel Raum im Comic eingeräumt.

Wer allerdings kein Nietzsche-Kenner ist wird sich oft schwer tun, die einzelnen Stationen und Ereignisse im Leben des Philosophen in ihrer jeweiligen Bedeutung zu verstehen. Mit Informationen etwa über Menschen wie Paul Ree und Franz Overbeck, die im Leben Nietzsches eine große Rolle spielten, geht der Autor äußerst sparsam um. Gute Unterhaltung verspricht Onfrays Nietzsche-Biographie aus diesem Grund nur jenen, die dessen Vita ohnehin schon kennen. Daher stimmt lediglich der erste Teil der Beschreibung im Klappentext: »Ein ungewöhnliches und kraftvolles Nietzsche-Portrait für Kenner.« »Eine brillante Einführung für solche, die es werden wollen«, wie es weiter heißt, ist der Comic jedoch nicht. Dafür setzt er vom Leser zu viel Kenntnisse voraus.

 

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