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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:30

Joe Sacco: Gaza

25.01.2012

Immer realistisch, nie Karikatur

»Die Ermordung eines Palästinensers ist in Gaza Routine. Sein Verlust wird außerhalb des engen Kreises von Familie, Nachbarn und Freunden keine Wellen schlagen.« Joe Saccos Comic-Reportage Gaza zeigt schonungslos die Vergangenheit und Gegenwart, das Leben und Leiden im palästinensischen Kriegsgebiet. Ganz schwere Kost, findet FRANZISKA BECHTOLD.

 

Chan Yunis, November 1956: 275 Palästinenser werden von der israelischen Armee zusammengetrieben und erschossen.
Rafah, November 1956: 111 Palästinenser werden von der israelischen Armee zusammengetrieben und erschossen.

Was in der Geschichte des Nahostkonflikts lediglich eine Fußnote bildet, hat der in Amerika lebende Comic-Zeichner Joe Sacco vor Ort recherchiert und in dem über 400 Seiten starken Wälzer Gaza dokumentiert. Zusammen mit seinem Freund Abid erkundet er die Schauplätze der Massaker und muss sich nicht nur mir den Erinnerungen vergangener Tage auseinandersetzen, sondern wird täglich mit dem gefährlichen Leben im Gazastreifen konfrontiert. Immer wieder werden die Erinnerungen und Gespräche von der klaren, ungeschönten und gleichzeitig um Objektivität bemühten Darstellung der Palästinenser der Gegenwart unterbrochen.

 

Von damals und heute

Ohne Umschweife ist zu sagen, dass Saccos Werk eine intensive Leseerfahrung ist. Kaum eine Seite, die nicht vor Leid und Schmerz ächzt. Dies äußert sich in der Erzählung eines Betroffenen, in der Angst der Bevölkerung oder der brutalen Zerstörung ihrer Lebensräume. Die 389 Seiten lange Reportage ist definitiv nicht als leichte Bettlektüre geeignet, da der Autor kaum Ruhe einkehren lässt, das Gemetzel scheint unendlich weiter zu gehen.

Und selbst wenn man die Graphic Novel zugeschlagen hat, weiß man, dass diese Fußnoten einen Bruchteil von dem beschreiben, was Realität ist. Kein Leichtes also, sich mit diesem Comic zu befassen, doch es lohnt sich. Die Geschichten sind authentisch, die vielen Einzelschicksale fügt Sacco geschickt und gekonnt zu einem großen Ganzen - Gegenwart und Vergangenheit bilden oft eine untrennbare Einheit, beispielsweise wenn Erzählung und Erzähler direkt - auch optisch - nebeneinander gestellt werden. 

Nun könnte man anklagend behaupten: Saccos Arbeit ist einseitig. Damit hätte man vollkommen recht. Aber um wahre Neutralität ist der Autor nie bemüht, obwohl er die Ereignisse stets unkommentiert abbildet. Die Komposition der Bilder spricht dabei für eine klare Sympathie mit der Seite der Palästinenser. Kann man also mit dem Wissen leben, dass jede Geschichte zwei Versionen hat und dies hier eine davon ist, hat man eine aufwendig recherchierte und eindringliche Arbeit vor sich liegen. Sacco selbst weist darauf hin, dass manches zur Legende geworden und vieles in den Erinnerungen der heute alten Zeitzeugen verblasst ist. Bei allen vergangenen Ereignissen tritt er selbst zurück und lässt sie schildern - von Männern und Frauen, die die Massaker mit eigenen Augen gesehen haben.

 

Erschütternd und bereichernd

Die Zeichnungen Saccos sind von einem brutalen Realismus und großer Intensität. Er beherrscht die Kunst, Gesichter voller Emotionen zu zeichnen - schmerzverzerrt, traurig, angsterfüllt, panisch. Immer trifft er dabei den richtigen Punkt zwischen purem Naturalismus und Interpretation; er lässt keine Karikaturen entstehen. Echte Menschen stehen im Vordergrund, deren Sorgenfalten und trübe Augen Bände sprechen.  

Die Gestaltung der Panels orientiert sich dabei am Verlauf der Reportage: Geordnet von links nach rechts, wenn sachlich erzählt wird, zum Beispiel beim Interview mit einem Betroffenen - doch meist aufgebrochen, ineinanderfließend und manchmal wild durcheinander, zum Beispiel bei der Flucht vor den Bulldozern, die palästinensische Häuser zerstören, oder bei der Darstellung der Massaker.

Zweifellos ist Gaza ein erschütternd authentischer Blick auf Palästina - eine Momentaufnahme und Geschichtsstunde zugleich. Eine Reportage, die einen nicht so schnell wieder loslässt und die es zu verdauen gilt. Der Tod ist auf jeder Seite präsent, und da hier nichts Fiktion sein soll, ist alles noch ein Stückchen schwerer zu ertragen. Gerade deshalb lohnt sich jedoch die Lesereise in ein Land, dass man leider hauptsächlich aus schlechten Nachrichten kennt. Man wird um einen neuen Blickwinkel reicher.

 

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