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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:31

Zwei Bücher zum neuen Intendanten der Oper Stuttgart: Jossi Wieler

27.01.2012

Der sanfte Aufklärer

Albrecht Puhlmann ist Unrecht geschehen. Er hatte das Pech, dass ein paar selbstverschuldete Fehler und ein paar Schnitzer, wie sie an jedem Theater passieren, just zu einem Zeitpunkt zusammenkamen, als sein Vertrag vor der möglichen Verlängerung stand. Gleich danach lieferte er eine Serie von Leistungen, mit denen sich die Stuttgarter Oper im nationalen und internationalen Vergleich sehen lassen konnte. Für Puhlmann persönlich ist die Entlassung eine berufliche und menschliche Tragödie. Aber wen interessiert schon das Schicksal eines in Misskredit Geratenen. Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenkind. Und das Publikum ist hartherzig. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Jossi Wieler
Foto: A. T. Schaefer Jossi Wieler
Foto: A. T. Schaefer

Diese undankbare Kälte wurde den Stuttgartern erleichtert durch die Benennung von Puhlmanns Nachfolger, der – das sollte nicht vergessen werden – unter Puhlmann immerhin ein gern gesehener Gast war. Jossi Wieler hat die Herzen erobert, noch ehe  seine Intendanz anlief. Mit guten Gründen. Er ist in seinem öffentlichen Auftreten sympathisch, freundlich, ja liebenswert. Er verzichtet, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Theaterleitern, auf lautstarke Ankündigungen und großmäulige Selbstbeweihräucherung. Und er ist, auf dem Gebiet des Sprechtheaters wie, zunehmend, der Oper einer der interessantesten, anregendsten Regisseure unserer Gegenwart.

 

Also ein Regie führender Intendant. Das muss kein Vorteil sein, ist es aber im Glücksfall. Es wiegt umso mehr, als Jossi Wieler die Stuttgarter Oper mit Nachdruck als Ensembletheater führen will. Dafür gibt es ebenfalls gute Argumente. Die Rückkehr zur Arbeit mit einem festen Stamm anstelle eines auf Stargäste fixierten Spielplans ist erstens ein demokratischer Akt, weil er Hierarchien abbaut, und trägt zweitens zu einer Profilierung des Hauses bei. Man wird, wenn Wielers Rechnung aufgeht, in Stuttgart und nur in Stuttgart sehen und hören können, was man nicht überall sonst zu sehen und hören bekommt. Zu diesem Zweck wird Jossi Wieler auch mehrere Inszenierungen im Jahr selbst übernehmen und auf Aufträge an anderen Orten, die er sich wohl aussuchen könnte, verzichten.

 

Wer sich genauer über Jossi Wielers bisherige Arbeit informieren möchte, kann das anhand eines reich bebilderten Bandes, der im Alexander Verlag erschienen ist. Da aber ein Buch für die Dokumentation von Theater nicht das ideale Medium ist, wurde eine DVD beigelegt mit Wielers Münchner Inszenierung von Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel). Leider sind auch die bei Wieler fast stets wie eigenständige Kunstwerke scheinenden Bühnenbilder, allen voran von Anna Viebrock, nur unvollkommen dokumentiert, weil die Fotos den kleinen Ausschnitt, Gesichter vor Totalen bevorzugen. So nähern sich der Herausgeber des Bandes Hajo Kurzenberger und sein Kollege Hans-Thies Lehmann einzelnen Arbeiten Wielers verbal, beschreibend, mit dem Vorteil, ausholen zu dürfen. Denn die alltägliche Theaterkritik in Zeitung und Rundfunk hat kaum noch Raum, genau zu sein und Zusammenhänge herzustellen. Kurzenberger nennt Jossi Wieler einen »sanften Aufklärer«. Das trifft ziemlich genau ins Schwarze. Er berichtet von Wielers Probenarbeit, und Renate Klett ist dem Regisseur nach Japan gefolgt. Elfriede Jelinek schließlich, die nicht nur leidenschaftlich hassen, sondern ebenso leidenschaftlich loben kann, steuert eine umfangreiche literarische Liebeserklärung bei.

 

Wunderbaren Fotos von Inszenierungen Jossi Wielers und seinem langjährigen Partner Sergio Morabito begegnet man auch in dem kürzlich erschienenen »Bilder-Lese-Buch« mit dem schlichten Titel Oper. Sie stammen von A.T. Schaefer und haben den Vorzug des großen Formats. Bei der Präsentation des Prachtbands meinte Klaus Zeheleins einstige Kodirektorin Pamela Rosenberg Jossi Wieler zu seiner Intendanz gratulieren zu müssen, indem sie davon schwärmte, wie er an die Ära Zehelein anknüpfen werde. Albrecht Puhlmann wurde aus der Geschichte der Stuttgarter Oper wegretuschiert wie Trotzki aus der Nachbarschaft Lenins auf sowjetischen Fotografien. In Oper erinnern Bilder unter anderem an die Inszenierungen von La Juive und Kát'a Kabanová. Sie entstanden in der Intendanz Puhlmann. Kleinlich, wer das unterschlägt.

 

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