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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:36

Reng, Ronald: Der Traumhüter

05.06.2004

 
Authentische Fußball-Literatur

Besonders fesselnd ist das Hineingezogenwerden in eine Welt, von der man überlicherweise nur die fernsehgerecht aufbereitete Oberfläche präsentiert bekommt.

 

In seiner Zeit als England-Korrespondent begegnet der Sportjournalist Roland Reng Lars Leese, dessen Karriere zu diesem Zeitpunkt an ihrem Höhepunkt angekommen ist: Er ist der zweite deutsche Premier-League-Profi und steht im Tor des Aufsteigers FC Barnsley. Die Ungewöhnlichkeit der Laufbahn Leeses, insbesondere ihre im Titel anklingende Märchenhaftigkeit, schlägt Reng so in ihren Bann, dass er beginnt, Leeses Geschichte zu recherchieren und ihren weiteren Fortgang – z.T. sogar aktiv – zu begleiten (so stellt er für den nach 3 Jahren Profifußball längere Zeit arbeitslosen Torhüter den Kontakt zu einem seriösen Spielervermittler her).

Was den Leser des "Traumhüters" dazu bringt, das Buch nicht mehr aus den Händen legen zu wollen, ist aber nicht nur und nicht zuerst der hier vermeintlich Wirklichkeit gewordene, Freizeitfußballer-Traum "Plötzlich kommt einer und macht dich zum Fußballprofi" (Klappentext). Tatsächlich ist die Überstrapazierung des "Traum-wird-Wirklichkeit"- bzw. "Der-große-Moment-von-dem-man-ein-Leben-lang-zehrt"-Motivs sogar die einzige offensichtliche Schwäche eines ansonsten durchweg gelungenen Stücks authentischer Fußball-Literatur. Fesselnd ist vielmehr das Hineingezogenwerden in eine Welt, von der man überlicherweise nur die fernsehgerecht aufbereitete Oberfläche präsentiert bekommt.

Rengs Schreibstil ist journalistisch. Passagen, in denen er Leese in Ich-Form von seinen Erlebnissen berichten lässt, wechseln sich mit solchen ab, in denen der Autor Leute aus Leeses Umfeld zu Wort kommen lässt. Dazwischen moderiert er mehr als er kommentiert. Und wenn doch, verhält er sich weitgehend abstinent, liefert vor allem dem besseren Verständnis dienende Zusatzinformationen. So entsteht fast der Eindruck, als handele es sich bei dem Buch um eine Autobiographie.

Und was Leese erlebt und Reng den Leser auf sehr persönliche Weise miterleben lässt, ist eine in der Tat ungewöhnliche Fußballer-Karriere. Ein fußballerischer Jedermann ist Leese allerdings nicht. Immerhin spielt er in der Jugendmannschaft des 1.FC Köln. In einem Anflug von Trotz gibt er jedoch eine verheißungsvolle Zukunft zugunsten von Standardverlockungen wie Ausgehen, Mädchen und Alkohol auf und spielt für einige Zeit überhaupt nicht mehr Fußball. Über ein Hobby-Turnier bekommt er Kontakt zu einem Kreisliga-Verein in der Provinz (Sportfreunde Neitersen) und lässt sich breitschlagen, sich dort zwischen die Pfosten zu stellen. Sein außergewöhnliches Talent lässt höherklassige Vereine auf ihn aufmerksam werden und über die Stationen VfB Wissen und SC Preußen Köln gelangt er schließlich zu Bayer Leverkusen, wo er in der Saison 1996/1997 dritter Torwart ist (hinter Heinen und Vollborn), aber ohne eine einzige Minute Bundesliga-Erfahrung bleibt.

Mit der kleinen Lüge, Leese sei Leverkusens Nr.2 hinter dem kommenden Nationalkeeper Heinen, schafft es dann aber Tony Woodcock, sein früherer Trainer beim SC Preußen, ihm einen hochdotierten Vertrag beim FC Barnsley zu verschaffen. Der Vertrag läuft zwei Jahre. Im zweiten Jahr spielt Barnsley nicht mehr Premier League und fast immer ein anderer Torwart, obwohl Leese sich in seinen Einsätzen im Jahr zuvor zumeist als guter Keeper erwiesen hatte. Einen neuen Vertrag bekommt er anschließend nicht mehr angeboten, nicht in Barnsley und auch sonst nirgendwo. Nach einer für ihn und seine Familie bitteren Zeit der Arbeitslosigkeit arbeitet er – inzwischen 32-jährig - als Kaufmann für Büroartikel, ist Ersatztorwart bei den Amateuren von Borussia Mönchengladbach und wirkt, sowohl gemessen an seine Aussagen aus dem Buch, als auch an dem Eindruck, den er als im Augenblick gefragter Fernsehgast macht, ausgesprochen sympathisch und recht zufrieden mit sich und der Welt.

Wer je Kreisliga-Fußballer war, kann bezeugen, dass Rengs Berichterstattung diesen Teil der Welt treffsicher wiedergibt. Es gibt also keinen Grund für Zweifel an der Authentizität all der vielen merkwürdigen kleinen Ereignisse und Geschichten aus dem deutschen und englischen Profifußball, die der "Traumhüter" neben seinem eigentlichen Thema auch noch aufzubieten hat. Ein einzigartiges Buch.

Holger Schwab


Reng, Ronald: Der Traumhüter.
Die unglaubliche Geschichte eines Torwarts.
KiWi Taschenbücher Nr.685. 2002.
Kartoniert. 255 Seiten. 8,90 Euro
ISBN: 3-462-03107-4

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