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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:36

Günter Netzer: Aus der Tiefe des Raumes

08.06.2004

 
Unter Niveau

Bei Delling würde er sich über das standardisierte Spiel aufregen und innovative Ideen oder wenigstens Kampf fordern. Als Literat geht er mit Ghostwriter und langweiligen Geschichten den denkbar einfachsten Weg.

 

Eine zunehmende Amerikanisierung des deutschen Buchmarktes und Buchhandels zu thematisieren ist ja nun weiß Gott keine neue Idee, nur gerät mit Hinblick auf diese Biographie von Deutschlands genialstem Fußballquerkopf (außer Super Mario Basler natürlich) die Vorstellung von einer deutschen Verlagslandschaft, die von eigenen Ideen lebt, schwer ins Wanken. Betritt man nämlich eine dieser amerikanischen Buchlädenketten mit ihren Quadratkilometern an Bücherwänden, an denen man wirklich fast alles bekommt, so fällt schnell auf, dass die Auslagen dekoriert sind mit Autobiographien bekannter und nur halbwegs bekannter Stars und Sternchen, die alle dem gleichen Muster folgen: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Meist sind es Fernsehstars, die dem deutschen Zuschauer eh nix sagen, noch öfter allerdings Baseball, Football und Basketball-Größen.

Was das alles mit Günther Netzer zu tun hat? Nun, der Schutzumschlag des Buches ist eindeutig diesen amerikanischen Vorbildern nachempfunden. Don’t judge a book by its cover, wie der Amerikaner zu sagen pflegt, doch was Netzer hier abliefert, ist eine Beleidigung des Intellekts deutscher Fußballanhänger. Es ist nämlich eine Sache, als Toni Schumacher ein Skandalbuch („Anpfiff“, 1986) zu veröffentlichen, das zur Suspendierung in Verein UND Nationalmannschaft führt. Da ist man, ähnlich wie bei Bohlen, aufgrund des Skandal-Faktors gewillt, das Kindergarten-Vokabular hinzunehmen. Bei Effe war das schon problematischer, doch dessen Fans nähern sich wahrscheinlich dem intellektuellen Niveau ihres Vorbilds an, insofern war das auch keine große Überraschung, was der ehemalige Hamburger Postbote zu berichten hatten und vor allem wie er seine trivialen Geschichten verpackte.

Doch mit einem Netzer verbindet man ja schon ein gehobenes intellektuelles Niveau, dem das Buch zu keinem Zeitpunkt gerecht wird. Da wird die Kindheit und Jugend mal schnell auf ein paar Seiten abgehakt: Uns gings ja ganz gut in der Nachkriegszeit, es wurde nicht über den Krieg geredet, Punkt. Klar, ist ja auch ein Fußballbuch. Doch wenn Netzer erst meint, er habe erst dreizehnjährig nicht mehr im Tor spielen müssen und kurz darauf erzählt, wie brillant er schon als 10-jähriger auf dem Feld agiert habe, so ist dahinter wohl eher keine labyrinthsiche Zeitstruktur á la Jorge Luis Borges zu vermuten, sondern wahrscheinlich einfach ein schlampiger Ghostwriter. Und wer jetzt sagt: Es geht ja um Fußball, nicht um Geschichte - Man mag ja von Udo Lindenbergs Autobiographie „El Panico“, die vor einigen Wochen erschien, halten, was man will, aber hier wird die Nachkriegskindheit trotz peinlicher sprachlicher Entgleisungen lebendig vorgeführt, ohne die musikalische Entwicklung des Protagonisten aus den Augen zu verlieren.

Nein, das ist nichts besonderes, was der Netzer hier abliefert. Bei Delling würde er sich über das standardisierte Spiel aufregen und innovative Ideen oder wenigstens Kampf fordern. Als Literat geht er mit Ghostwriter und langweiligen Geschichten den denkbar einfachsten Weg. Da hör ich mir doch lieber an, ob der Effe den Obdachlosen vor seiner Haustür selbst getreten hat oder ob es doch nur seine Frau war, die ihn „leicht mit dem Fuß“ berührte.

Sascha Seiler


Günter Netzer: Aus der Tiefe des Raumes. Mein Leben.
Mit Helmut Schümann.
Rowohlt 2004.
Gebunden. 269 Seiten. 19,90 Euro.
ISBN: 3-498-04683-7

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