Barbara Honigmann: Ein Kapitel aus meinem Leben
16.08.2004
Contenance bewahren
Das Leben eines Rätselwesens: Barbara Honigmann zeichnet die Geschichte ihrer Mutter nach, welche als Spionin arbeitete.
Der Titel von Barbara Honigmanns jüngstem Buch ist ein Zitat ihrer Mutter Lizzy. „Ein Kapitel aus meinem Leben“ nannte diese der Tochter gegenüber ihre (zweite) Ehe mit Kim Philby, dem englischen Doppel- und Meisterspion, der seit Mitte der Dreißiger Jahre für den sowjetischen KGB tätig war und sich 1963 über Beirut nach Moskau absetzen konnte, bevor er enttarnt wurde. Ihre Tochter Barbara, 1949 in Ost-Berlin geboren, seit 1984 in Straßburg als Schriftstellerin und Malerin lebend, entstammt der dritten Ehe Lizzys mit einem deutsch-jüdischen Mitemigranten in London, dem Journalisten Georg Honigmann. Nach dem 2. Weltkrieg war das Paar in die DDR emigriert. Lizzy arbeitete als Synchronregisseurin bei der DEFA im ungeliebten Ost-Berlin, Honigmann wieder als Journalist.
Gebürtig in Wien, aber aus einem ungarischen Dorf stammend, gehört die Mutter der Schriftstellerin zu jener nicht geringen Zahl (groß-)bürgerlicher Juden der ehemaligen K.u-K. Monarchie, die in den zwanziger/dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts sich der kommunistischen Weltrevolution ver- und nicht selten ihre beträchtlichen Vermögen der KP überschrieben, was speziell die österreichische KP zu einer der reichsten der „proletarischen Bewegung“ machte. In Wien, wo sie während des Arbeiteraufstands in den Dreißiger Jahren verfolgte Genossen versteckte, lernte Lizzy auch den jungen Cambridge-Studenten Kim Philby kennen, den sie, als der Wiener Boden nach ihren illegalen KP-Aktivitäten für sie „zu heiß“ wurde, in London wiedertraf und heiratete. Während Philby als einziger britischer Journalist den Spanischen Bürgerkrieg von der Frankistischen Seite aus verfolgte, führte seine Frau am Quai d´Orsay in Paris einen Salon, und traf sich mit ihrem Mann immer wieder in Südfrankreich – um seine erspionierten Erkenntnisse an den KGB weiterzugeben. Denn die beiden hatten schon in England zur Tarnung ihrer Spionagetätigkeiten äußerlich eine Wendung nach rechts genommen, verkehrten (auftragsgemäß) in faschistischen Fellowtraveller-Kreisen, was sie in den Augen vieler damaliger linker Freunde unmöglich machte.
Geheimnisvolle Doppelexistenz
Ob die Ehe mit „Kim“ privat scheiterte oder auf KGB-Wunsch beendet wurde, ob Lizzy noch in ihrer DDR-Zeit zum sowjetischen Geheimdienst in Kontakt stand (denn immerhin wohnten die Honigmanns in Karlshorst, in unmittelbarer Nähe zur sowjetischen Garnision): – diese und viele andere Fragen kann und will ihre Tochter nicht beantworten. Denn ihr Buch „Ein Kapitel aus meinem Leben“ ist keine Recherche nach der „Wahrheit“ von Lizzys Leben und geheimdienstlichen Wirken, sondern auch ein (nach dem Tod der Mutter), nun literarisch erschriebenes „Kapitel“ aus dem Leben Barbara Honigmanns: das Porträt ihrer Mutter aus der erfahrenen Nähe als Tochter. Ich kenne nicht Honigmanns 1991 erschienenes Vaterporträt „Eine Liebe aus Nichts“; aber vermutlich stand ihr der Vater näher als die Mutter, obwohl sie ihn immer nur als Geschiedenen kennengelernt hatte und die Mutter lange Zeit eine Verhältnis mit „Onkel Wito“ hatte, einem „richtigen Deutschen“ (also Nichtjuden), bis die Mutter dahinterkam, dass der gute onkel fremdging und er das Haus verlassen musste, in dem fortan nur noch Frauen mit ihren Kindern lebten. Jedenfalls kann man sich denken, dass eine Mutter, die nie Kopf- oder Bauchschmerzen hatte, immer auf tadelloses Äußeres Wert legte und ihre vielfältigen Freund- und Bekanntschaften pflegte, nicht gerade „das Liebste“ der Tochter war. Umso mehr, als sie auch das Kind und die erwachsene Tochter nicht erzählend an sich herankommen und sie auf Fragen und Nachfragen im Unklaren über sich, ihr Leben und ihre „wirklichen“ Gedanken ließ – vielleicht, weil die klandestine Doppelexistenz ihr in Fleisch und Blut übergegangen war, wie die Tochter einmal vermutet. Erst kurz vor ihrem Tod hat Lizzy die Tochter in Straßburg besucht und aus eigenem Antrieb über Philby gesprochen, ohne dass sie jedoch auch nur entfernt so etwas wie eine „Beichte“ oder „Enthüllung“ abgelegt hätte. Eigentlich war auch das „nichtssagend“, meint die Tochter.
Aber Lizzys erotische, eheliche und politische Beziehung zu dem Meisterspion und zeitweiligen Geheimdienstkollegen Graham Greenes ist für Barbara Honigmann nur der Basso Continuo für eine literarisches „Musizieren“, dessen Themen und deren erzählerische Verarbeitung die Rätselhaftigkeit der Person ist, die ihre Mutter war, und das jüdische Ambiente der kommunistischen Nomenklatura in der DDR. Privilegiert waren diese kommunistischen Antifaschisten, die „an der vordersten Front des Weltprozesses“ (Ernst Bloch) agiert hatten, gewiss in der DDR, an deren Zukunft als humanistischer Staat sie lange wie selbstverständlich glaubten.
Außenseiter-Dasein in der DDR
Aber ihre materiellen und geistigen Privilegien, zu denen z.B. auch Reisemöglichkeiten der Tochter Barbara nach Großbritannien und Österreich gehörten, waren immer auch gefährdet, weil sie in der westlichen Emigration und – Juden waren, obwohl ja der Kommunismus Herkunft und Herkommen (zumeist aus dem Bürgertum) negieren wollte. Die Isolation – als Verfolgte und als aktive Widerständler während des europäischen Faschismus – setzte sich auch im „goldenen Käfig“ der DDR auf andere Art fort. So blieben sie, durch gemeinsames Erleben verbunden, auch dort weitgehend unter sich, und selbst wer als Atheist und Parteimitglied von seinem Judentum nichts mehr wissen wollte (was durchaus nicht für alle zutraf), behielt doch als Begleitschatten seine Jüdischkeit und fühlte sich sicherer unter seinesgleichen – als unter den „richtigen deutschen“ Genossen. Barbara Honigmann vermutet sogar, dass Lizzys letzte Liebe zu „Onkel Wito“ zwar unter ihren jüdischen Freunden bekannt war; aber die Tatsache, dass er nie dabei war, wenn sie sich mit ihren engen Freunden traf, deutet für die Tochter auf eine diskrete Distanz hin. Sie war wohl auch noch kulturell bedingt – nämlich intellektuell-internationalistisch, mit bewahrten bürgerlichen Standards, was zu einer unausgesprochenen Form Innerer DDR-Emigration führte. Das zeigte sich auch darin, dass man nicht nur (wie üblich) den Tag der Befreiung sondern (insgeheim und unter sich) auch den Todestag Stalins feierte.
Ambivalente Persönlichkeit und das Spiel um Wahrheit und Lüge
Im Zentrum dieser Erinnerungen, welche Barbara Honigmann in einer nüchternen Prosa von lakonischer Schönheit ausbreitet, steht die in mehreren Anläufen gezeichnete „verschwiegenheitssüchtige“ Mutter – ein jeglicher Nostalgie und heroischen oder gar gefühligen Romantik abholder Charakter, der gewissermaßen ebenso vergangenheitsflüchtig wie loyal zu seinen multiplen Lebensfragmenten sich verhielt. „Deine Mutter“, sagte ihr Vater zu der Tochter, “ist ein Mensch, den man wirklich nur schwer verstehen kann. Entweder ist er viel naiver oder viel gerissener als die meisten Menschen. Entweder sie redet zuviel oder sie verschweigt alles, sie schäumt vor Temperament über oder sie fällt apathisch in sich zusammen....sie begnügt sich mit dem Allernötigsten und schmeißt gleichzeitig das Geld zu Fenster raus, sie verschenkt und beschenkt ohne Maß“. So charakterisiert er diesen Menschen des jeweiligen Augenblicks, der immer absolut in der Gegenwart lebte, und fügt als Resümee hinzu: „Aber etwas von sich preisgeben, das konnte sie nie“. Und die Tochter fügt etwas hinzu, was das Rätsel dieser weiblichen Existenz, die sich durch die lebensbedrohlichen Verwerfungen ihres Jahrhunderts mit einem unverschämten (oder schamlosen?) Glück bewegt hat und seinen Fallen, Sackgassen und Todeszonen glanzvoll entkommen ist, noch abgründiger macht: „Contenance bewahren war das Allerwichtigste in ihrem Leben, und die Contenance kam noch vor dem Marxismus-Leninismus und den Philosophen, die die Welt nur verschieden interpretiert hatten, wo es aber darauf ankommt, sie zu verändern“.
Dieser Zug ins Aristokratische, ins existenziell Stoische könnte einen vielleicht sogar an die „Haltung“ erinnern, den eine soldatischer Typus wie der reife Ernst Jünger während des Nationalsozialismus, zumindest in seiner Selbstdarstellung, eingenommen hat. Aber eher liegt wohl dabei die Affinität zu einer stolzen (und aus Stolz und Loyalität „zur Sache“ absolut sich selbst verschweigenden) britischen Lady nahe, denn es waren die Engländer und ihre stoischen, „zivilisierten“ Tugenden von Höflichkeit und Distanz, die Lizzy am meisten geschätzt hatte. Vielleicht, könnte man spekulieren, hat das Rollenspiel im Geheimdienst, das sie Mitte der Dreißiger Jahre mit Kim im Dschungel der Zeit begann und bis wer weiß wie lange fortsetzte, eben dieses Verhalten zur „Haltung“, zur unerschütterlichen Contenance gefordert und gefördert: als Paravant der Selbstsicherheit bei den Bewegungen auf dem glatten Parkett der Verstellungen und Lügen: „kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge, wie es ihr Credo war“. Das könnte auch das Credo für das „Wahrlügen“ (Mario Vargas Llosa) des Romanciers sein. Barbara Honigmann hat ein Kapitel aus ihrem und dem Leben ihrer Mutter aufgeschlagen, und obwohl wir da keinen Roman lesen, teilt dieses autobiografische Schreiben mit der literarischen Fiktion die fundamentale Unschärferelation des „Es könnte so gewesen sein“. Die Skepsis der Tochter und Autorin gegen die möglichen spekulativen „Erkenntnisse“ einer eingehenden Recherche nach und im gelebten Leben ihrer Mutter ermöglicht ihr die Poesie ihrer persönlichen Erinnerung in diesem schönen Buch: „Sie hat mich geboren, und nun setze ich sie wieder als Legende in die Welt“. Ein schönes Wortspiel; denn „Legende“ heißt ja auch in der Geheimdienstsemantik die fiktive Biografie des im feindlichen Umfeld tätigen „Kundschafters“. Diese erzählt Barbara Honigmann nicht, sondern von einem bleibenden Rätsel: ihrer Mutter.
Wolfram Schütte
Barbara Honigmann: Ein Kapitel aus meinem Leben. C. Hanser Verlag, München 2004. Gebunden. 142 Seiten, 15.90 ¤
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