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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:38

Bob Dylan: Chronicles

17.02.2005

 
Humorvolles Tellerwäscher-Märchen

Der erste Band von Bob Dylans lang ersehnter Autobiographie ist da: ein eigenwilliger, gar nicht chronologischer, relativ schmaler Band.

 

Nicht nur eine Neuauflage der Texte Bob Dylans erschien jüngst, sondern auch der erste, relativ schmale Band seiner lang erwarteten Autobiographie. Unzählige Bücher sind über ihn geschrieben worden, das wohl beste unter ihnen, No Direction Home, stammt von Robert Shelton und erschien bereits 1986. Seitdem überschlägt man sich mit mehrbändigen Werken, die oft viel, aber oft auch recht wenig über den Mann und seine Musik vermitteln. Als Dylan vor ein paar Jahren nun ankündigte, seine Autobiographie zu schreiben, erwartete man ein Mammutwerk, und spätestens als Chronicles als erster Band einer Reihe erschien, hatten sich die potenziellen Leser auf eine chronologische Narration eingestellt, die ihren Anfang in den Kindheitsjahren in Hibbing/Minnessota nimmt, den Weg nach New York City nachzeichnet und dann in der „Never Ending Tour“ mündet, auf der sich Dylan seit den 80er-Jahren befindet.

Doch so sollte es nicht sein. Chronicles. Vol. 1 beginnt mit den musikalischen Erweckungen des jungen Robert Zimmermann, bevor wir seine Reise in den harten Winter von New York verfolgen dürfen, seine ersten Engagements in schäbigen Folk-Clubs. Meist wohnt er bei Freunden und Bekannten, lauscht tagsüber deren Platten und stellt sich abends in den angesagten Clubs vor, in denen er für einen Hungerlohn spielen möchte, bis er sich in der Szene langsam einen Namen macht. Diesen sentimental erzählten Anfang seiner musikalischen Karriere schildert Dylan wie das altbekannte Tellerwäscher-Märchen, humorvoller vielleicht, wie man seinem in den letzten Jahren immer verschlossenerem Wesen zugetraut hätte.

Nach diesen kurzen Wanderjahren fängt Dylans narrativer Strang an, sich aufzulösen. Er redet Seiten über Seiten von seiner – zugegebenermaßen ziemlich langweiligen – Country-Platte „New Morning“ aus dem Jahre 1971, um dann eine endlose Passage dem 89er-Comeback-Album „Oh Mercy“ zu widmen. Motorradunfall und anschließende erste mythische Christianisierung durch das Album „John Wesley Harding“? Nicht viel darüber. Die großen Meisterwerke der 70er-Jahre, „Blood o­n the Tracks“ und „Desire“, die im Grunde alles in den Schatten stellten, was er zuvor produziert hatte? Vielleicht ein Satz. Kann das schon alles gewesen sein? Es werden ja noch einige Teile folgen von Chronicles. Vol.1. Es war ja klar, dass ein Querdenker wie Dylan sich nicht am üblichen Spiel der sich selbst beweihräuchernden Autobiographie beteiligt, sondern einen eigenen Weg geht, der, im Gegensatz zum Titel des Werkes, die Chronologie ignoriert und via Assoziationsketten arbeitet. Wer allerdings Dylans Roman Tarantula kennt, der weiß: es hätte viel, viel schlimmer kommen können.

Sascha Seiler


Bob Dylan: Chronicles.
Autobiografie - Die 60er Jahre. (Originaltitel: Chronicles).
Aus d. Amerikanischen von Kathrin Passig, Gerhard Henschel.
Hoffmann und Campe
Taschenbuch. 303 Seiten. 22,00 EUR.
ISBN: 3-455-09385-X

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