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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:41

Martin Amis: Die Hauptsachen

06.02.2006

Jetzt bist du dran

»Die Hauptsachen« von Martin Amis ist ein Väterbuch voller chaotischer Schönheit und lotet die Vaterschaft auf verschiedensten Ebenen aus.

 

Seit Jahren boomen die so genannten Väterbücher. Meist geht es um Tricks und Kniffe, wie man keine oder nur wenige Alimente zahlt, mal wird die Übermacht der Frauen beklagt, hier und da stellt sich auch mal der »neue Vater« vor, der den Nachwuchs sanfter als je zuvor erziehen will und ganz nebenbei auch noch Modelle zur Vereinbarkeit von Teilzeitarbeit und Erziehung präsentiert. Vieles davon ist von Neid zerfressen und so hässlich, dass man sich schämt, ein Mann zu sein. Und wo es der Autor mal gut meint, wird’s immer so perfekt, dass man sich auch dafür schon wieder schämt.
Umso erfreulicher ist es, wenn einer mal ein schönes Väterbuch vorlegt, wie es nun der britische Schriftsteller Martin Amis mit seinen »Die Hauptsachen« betitelten Memoiren getan hat. Noch schöner ist es, weil darin gleich mehrere Bedeutungen von Vaterschaft behandelt werden. Amis schreibt über sein Verhältnis zu den eigenen Söhnen und zur Tochter. Wo andere Dichter ihrem Kinderhass freien Lauf lassen (was Amis zurecht als langweilige intellektuelle Übung bezeichnet) und wo andere Väter ihren aus Autorität und Stärke gewonnen Stolz betonen, findet sich bei ihm aus Unsicherheit und Zweifel gespeistes Staunen: »Wenn ich an meine Kinder denke, kann ich nicht glauben, dass eine Schöpfung, an der ich beteiligt war, derart an Kontur und Gehalt und Masse zugenommen haben soll.«
Außerdem schildert er sein Leben als Sohn von Kingsley Amis, einem der führenden humoristischen Schriftsteller der grauen sechziger Jahre, dessen Literatur John Updike einmal als »erstickend menschlich« bezeichnete. Es ist eine herzliche, aber keine unproblematische Beziehung. Wie auch, wenn man selbst nach ersten literarischen Ausdrucksmöglichkeiten sucht und der Vater gerade seinen zehnten Roman abschließt? Die Dominanz von Kingsley Amis wird erst gebrochen, als Martin ihn zum Großvater macht: »Mit der Geburt deines Kindes vergibst du deinen Eltern alles und ohne Hintergedanken.« Schließlich geht es auch noch um geistige Väter wie Martins o­nkel, den Dichter Philip Larkin, und väterliche Freunde wie den Schriftsteller Saul Bellow.

Vaterschaft und Literatur werden gemeinsam verhandelt
Die Namen sprechen für sich. Nicht nur Vaterschaft wird hier verhandelt, sondern vor allem Literatur. »Ich beging nicht den elementaren Fehler, den Menschen und sein Werk gleichzusetzen, aber jeder Schriftsteller weiß, dass die Wahrheit tatsächlich in der Literatur zu finden ist«, schreibt Amis über seinen Vater und lässt dasselbe auch für die Kollegen gelten. Es gibt kaum einen namhaften Schriftsteller (samt Werk), der in diesem Buch nicht auftaucht, und selbst jene, die sich seit Jahren erfolgreich vor der Öffentlichkeit verbergen, werden in einer Fußnote ins Halbdunkel gezerrt (beiläufig ist plötzlich zu lesen, Ian McEwan habe sich früher öfter mit Thomas Pynchon zum Lunch getroffen).
Ganz nebenbei stehen Tote wieder auf – u.a. Vladimir Nabokov oder James Joyce –, weil Martin Amis gerade die Geschichte seiner schlechten Zähne erzählt und ihm in exakter Kenntnis der Werke von Nabokov und Joyce und der Biografien über sie die eine oder andere Passage über Mundfäulnis ein- und auch so manche dentale Übereinstimmung auffällt. Es ist Liebe zur Literatur, die Amis treibt, über sein Leben und sein Lesen (nicht aber über sein Schreiben) zu schreiben, immer luzide und feinfühlig, im besten, entblößenden Sinne ehrlich und zärtlich.
Das alles kommt ausgerechnet von jenem Martin Amis, der in der britischen Presse so beliebt ist wie ein deutscher Mallorca-Urlauber und der seit Jahrzehnten entsprechend attackiert wird: wegen Geldgier, Ruhmsucht, Protzerei, Umtriebig- und Verantwortungslosigkeit, Frauenhass, mangelnder Achtung der britischen Krone, Defätismus jeglicher Art, besonders aber wegen der Verharmlosung von Pornografie und Pädophilie. Nicht einmal über die Shoah durfte er schreiben, ohne dass ihm Profitinteressen unterstellt wurden.
In der Tat kann man über seine Romane streiten. Die Frage ist, ob die meisten von ihnen einfach nur mittelmäßig sind oder ob er früher mal bessere Zeiten hatte. Auf Dauer ermüdet professionell betriebener Tabubruch einfach. In seinem letzten auf Deutsch erschienenen Roman »Yellow Dog« bot Amis jede nur denkbare Provokation auf, aber die Besucherordnung des Berliner Zoos ist spannender.
Deswegen ist seine Aussage, Romane zeigten ihre Autoren »von ihrer besten Seite, dort strengen sie sich gewaltig an: bis zum Zerreißen«, mehr Abschreckung als Aufforderung, seine »Hauptsachen« zu lesen. Hinzu kommt, dass er mit Mitte 50 vom Memoirenalter noch weit entfernt ist und die Vermutung nahe liegt, er versuche nur, eine Pause zwischen zwei Romanen zu füllen. Doch es liegt nicht nur an den geringen Erwartungen, dass sein Lebensbericht so unfassbar groß ausfällt. Amis formuliert ein Problem: »Das Problem mit dem Leben (so denkt der Romanschriftsteller) ist seine Formlosigkeit, seine lächerliche Veränderlichkeit. Seht doch nur: es ist schlecht entworfen, hat selten ein Thema, es ist sentimental und unentrinnbar banal. Die Dialoge sind ärmlich, auf jeden Fall entsetzlich holprig. Die Wendungen sind entweder vorhersehbar oder effekthascherisch. Und immer hat es denselben Anfang und dasselbe Ende.«

Das Problem des Lebens ist seine Formlosigkeit
Und Amis löst das Problem. Er erzählt entropisch. Es gibt keine Chronologie, keinen klassischen Handlungsverlauf, mal sprechen seine Kinder, mal eine Tante, mal tönt Christopher Hitchens aus dem Off, mal wird Primo Levi zitiert, Briefe bilden Übergänge ins Nichts, hunderte Fußnoten, eine schöner als die andere, unterbrechen den Lesefluss. Wir reisen mit Amis durch England, Spanien und die USA, wir sitzen mit ihm beim Zahnarzt, im Auto und liegen plötzlich neben ihm im Pub unterm Tisch. Der Serienmörder Frederick West bringt Martins Cousine Lucy Partington um, eine noch nie gesehene Tochter taucht auf, und Kingsley Amis schreibt: »Ich werde jetzt hässlich, weil ich alt werde.« »Die Hauptsachen« sind ein unaufgeräumtes Kinderzimmer, und Amis ist das Kind, das die in der Unordnung wieder entdeckten Spielsachen für neue hält, sich mit allem gleichzeitig beschäftigt und dabei auch noch die Zeit vergisst. Es ist Hingabe in die Auflösung, leidenschaftliches Chaos.
Kingsley stirbt schließlich. Man kann nicht sagen, dass er, »der Hofdichter des Katers«, sich zu Tode getrunken hat. Der Alkohol hat mit seinem Tod nur so viel zu tun wie Wasser mit einem Ertrunkenen. »Sich betrinken: kein Zweifel, darum ging es immer. Betrunken sein war schön und gut, aber sich betrinken war das Beste«, formuliert der Sohn, dem Rauchen und Trinken von klein auf nicht fremd sind. Martin ist auf den Tod des Vaters vorbereitet, aber es hilft nichts: »Wie verhält man sich als Engländer angesichts solcher Aussichten? Man weint nicht, man ringt nicht die Hände. Man zuckt die Achseln und lacht ›trocken‹.«
Am Ende weiß Amis, dass die nächste Generation, die vors große Nichts tritt, die eigene ist. Bald bist du selbst dran. Aber diese Erkenntnis ändert nichts an seiner Weigerung, jemals erwachsen zu werden.

Maik Söhler


Martin Amis: Die Hauptsachen. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Hanser, München 2005. 456 S., 24,90 Euro

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