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Samstag, 26. Mai 2012 | 02:42

Lars Brandt: Andenken

15.03.2006


DIALOG DER STILLE

Und Blick auf die bleierne Zeit


Ein „Andenken“ an den Kanzlervater Willy Brandt

 

Auch gemeinsames Schweigen kann beredt sein. Dann nämlich, wenn das Schweigen den inneren Dialog sowohl verhüllt als auch durchscheinen lässt. Geradezu wundersam wirkt es, wenn dabei ausgerechnet von einem rhetorisch so begabten wie politisch kommunikativen Menschen, wie es der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt war, die Rede ist. Fast schüchtern geht Lars, der Sohn des beliebten Politikers, mit dem Vater um. Aber er schaut auch genau hin.
Nichts, aber auch gar nichts, entgeht seinem Blick und intensiven Gespür für die Verlassenheit der Dinge, für das Fremdsein im Privaten. Ganz anders als es Memoiren- oder Geschichtsschreiber tun, beschreibt er den Vater. Sparsamste Gesten der Zuneigung, der Distanz wie der Abgründigkeit charakterisieren ihn. Die gleichwohl intensive Beziehung zwischen Vater und Sohn ist geprägt vom Mangel an Wortwechseln, vom gemeinsamen Schweigen.
Dreh- und Angelpunkt ist im wahren Wortsinn das gemeinsame studenlange Angeln im kühlen Norwegen, woher die Mutter Rut stammt und wo die verregneten Sommer endlos erscheinen.
Sowenig wie der Vater taucht auch sie nicht namentlich auf. Ihn nennt der Sohn knapp V.. Atmosphärisch und völlig unpathetisch registriert Lars das Scheitern der Ehe, den Rückzug des Vaters. Als er ihn kurz vor seinem Tod in seinem hellen kühlen neugebauten Haus in Unkel aufsucht, nimmt er lediglich ihrer beider Spiegelbilder auf dem glänzenden Marmorboden wahr. Kein Wort fällt über Brigitte Seebacher-Brandt, derentwegen der Vater das Familienhaus verlassen hat.

Das Nachzeichnen von privaten Spuren

Das Buch ist ein „Andenken“, wie es der Titel sagt, aber anders, als es die kitschige russische Lackdose auf dem Buchcover nahelegt, die Willy Brandt mit Grübchen und leicht geröteten Bäckchen zeigt. Man könnte auch sagen: das Andenken ist ein Anliegen, Spuren nachzuzeichnen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Dabei geht es nicht nur die schmerzlichen Spuren des Privaten, wie die Trennung, die Arroganz, die abrupte Enterbung der vier Kinder.

Auch der Mehltau der Bonner Republik, das zerrissene Berlin, die RAF-Zeit, die Phase der Guillaume-Bespitzelung, all das wird wieder greifbar; oder auch das Missverhältnis zu Wehner, der Besuch von Robert Kennedy aus der Perspektive der fremden Kinder, die nichts miteinander anfangen können, später die von Lars geschriebenen Reden des Vaters, gespickt mit Lübeck-Zitaten von Thomas Mann, schließlich der Besuch am Totenbett.

Ganz ohne Schmu und sachlich berichtet der Sohn davon. Was im Gedächtnis bleibt, ist die dünne Anglerschnur, die die beiden verbindet - ein zerbrechlich schneidender Erzählfaden.                                              

Petra Kammann


Lars Brandt: Andenken. Hanser Verlag Februar 2006. 160 Seiten. 15,90 Euro. ISBN 3446207104.

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