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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:16

Matthias Kessler: Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?

12.05.2006



Überlebensstrategien

Die Lebensgeschichte der Monika Göth, Tochter des KZ – Kommandanten aus Schindlers Liste

 

Vaterliebe? Eine Tochter auf den Spuren ihres Vaters. Monika Göth findet einen Vater, den sie bei näherer Betrachtung lieber verschweigen möchte, einen Vater, der im großen Räderwerk des Nationalsozialismus ein Zahnrad war, dessen Umdrehungen noch heute nachwirken. KZ Kommandant Amon Göth leitete jenes Arbeitslager Plaszow, dass durch die Hollywood Verfilmung Stephen Spielbergs „Schindlers Liste“ zu Weltruhm gelangen sollte. Matthias Kesslers Buch „Ich muss doch meinen Vater lieben“, beginnt dort, wo Spielbergs filmische Ausdrucksmöglichkeiten begrenzt sind: Die uneheliche Tochter des KZ-Kommandanten erzählt Kessler wie die Geschichte, ihre Geschichte, weiterging und berichtet dem Münchner Schriftsteller und Filmemacher über ihr leben mit einem Vater, den es nicht mehr gibt, aber dessen Anwesenheit ihr täglicher Begleiter ist.

Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die verzweifelt, versucht vor dem Schatten ihres Vaters, der 1946 von einem polnischen Gericht zum Tode verurteilt wurde, zu flüchten. Doch immer wieder wird sie bei ihren Fluchtversuchen vom Schatten des KZ-Kommandanten eingeholt. Eine Frau wird zur Tochter eines Vaters, den sie nie kennen lernen durfte, sie wird zur Tochter eines Vaters, den sie sich, hätte man ihr eine Wahl gelassen, vielleicht nicht gewünscht hätte. Dennoch wird sie keine Berufstochter, das Leben der ruhelosen Monika Göth ist geprägt von Kreativität und einer Lust zum Leben. Sie findet ihre eigene Lebensform, die ihr die Möglichkeit gibt, mit dem Karma des Vaters zu leben, besser noch: zu überleben!

Einer dieser Überlebensstrategien ist die Veröffentlichung ihres Lebens, das Leben der Monika Göth – ohne die Schattenwelten des Vaters. Das Leben einer Frau, die ihren Schmerz, aber auch ihre Lebensfreude zeigt.
Dabei ist ihr Matthias Kessler behilflich. Mit seinem „Interviewexperiment“ , beschreitet er den schmalen Grad von Realität und Kunstprodukt.
Kessler benutzt die Form des Interviews, um den Reiz des Authentischen ungefiltert zum Leser zu transportieren.
„Mei Manfred, hab ich zu ihm gesagt, bin ich froh, dass du in keinem KZ gewesen bist, sondern nur im Arbeitslager. Dann kennst du auch meinen Vater, gell?“
Die beiden, Monika Göth und Matthias Kessler ziehen sich für eine Weile in ein Hotel am Starnberger See zurück, um dort in Ruhe arbeiten zu können. So nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Dabei belässt es Matthias Kessler nicht unbedingt bei der klassischen Interviewform, was meiner Meinung auch den besonderen Charme, wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Charme sprechen kann, ausmacht. Er überschreitet mit seiner Interviewtechnik die Schmerzgrenze des gewohnten, und begibt sich mit der Kommandantentochter auf ein Terrain, dass tiefenpsychologische Erkenntnisse im Bereich des „kollektiven Unterbewussten“ erkennen lässt.
„Ich weiß nicht. Ich glaube, ich fühle mich so ausgeliefert wie meine Mutter damals.“

Rüdiger Heins



Matthias Kessler: „Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?“
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main,
254 Seiten.
19.90 Euro
ISBN 3-8218-3914-7

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