G. Landsgesell, A. Ungerböck (Hg.): Spike Lee
24.05.2006
Bamboozled Morality
How to do the right thing? Wie einen der “umstrittensten und einflußreichsten Filmemacher der USA” beschreiben? Noch dazu, wenn er, wie Spike Lee, von schwarzer Hautfarbe ist?
Im neuen Band der renommierten Bertz Film Reihe werden Spike Lee’s “ganz spezifische Strategien des Sichtbaren” mit Hilfe einer Fülle von Essays, Interviews und Filmkritiken aufgerollt. Bedauerlicherweise fehlt dem Band ein Interview mit Spike Lee, so wirkt manche Aussage allzu sehr wie Fernanalyse, was zumindest unter Seelen-Analytikern als unfein gilt.
Sichtbar in der Bearbeitung des filmischen Werkes Spike Lee’s werden vor allem zwei Schwerpunkte, an denen Lee gemessen wird: Farbe und Kontroverse. Oft wird schon auf einer persönlichen Ebene deutlich, wie diese beiden Kriterien ineinander fließen. Während z.B. ein weißer Kritiker versucht sich in einer Fußnote die Legitimation zu geben, über Schwarze, resp. Lee, schreiben zu dürfen oder zu können, sind einige schwarze Autoren gekränkt, via Hautfarbe von Lee in einen gesellschaftlichen Topf geworfen zu werden. Nur wenige Beiträge bleiben bei dem, was durch die Filme sichtbar wird.
In den kontroversen Beiträgen spiegelt sich ein Regisseur wieder, der in seinen Filmen auch seine Hautfarbe und damit die von Millionen anderer Amerikaner sichtbar macht. Das könnte für diese Gruppe von Kinogängern das normalste von der Welt sein (wie für den Rest auch), hätten sie ein Kinobreitbandspektrum wie Weiße es haben. Aber selbst das umfangreiche Werk Spike Lee’s kann nicht alle Identifikationswünsche befriedigen. Wohlmeinende weiße Kritiker dagegen sehen in seinem Stil beispielsweise: “formale Exzesse als Schutzschild eines afroamerikanischen Künstlers gegen Rassismus”.
So bleibt Farbe der kontroverse Filter, der noch vor jede Kritik gelegt wird. Ob eine andere ethnische Gruppe im Mittelpunkt eines neuen Filmes steht, ein anderes Genre die Grundlage bildet, ob man ihm Message Movies vorwirft oder Hollywoodismus, Farbe ist das durchgehende Thema. Ein Künstler, dessen umfassendes Werk jedoch kaum mit dem Adjektiv “eklektisch” belegt wird.
Aber nicht nur Farbe, auch die Distinktionskategorien Geschlecht und Klasse werden hinterfragt. Warum zeigt er keine schwarzen weiblichen Role-Models, warum hat er sich nicht mit Sexismus auseinandergesetzt? Wird Jim Jarmusch an seinen Frauenrollen gemessen? Und warum geben Spike Lee Joints der schwarzen Mittelklasse soviel Raum? Warum vernachlässigt er, wenn er denn mal die Arbeitsklasse zeigt, deren miserable Lebensbedingungen? Political correctness einmal mehr als weiße Erfindung?
Im Vorwort der Herausgeber heißt es: “Der hartnäckige Vorwurf, Spike Lee wäre ein black nationalist wurde jedenfalls nicht bestätigt.” Was ein Glück! Was beweist es? Ist eine neue filmwissenschaftliche Herangehensweise, der Filmexegese belegt? Bringt es uns dem Phänomen Spike Lee näher? Durch Analysen von Bildsequenzen ist man jedenfalls nicht darauf gekommen.
Aber warum macht er Werbung für Nike? Warum Dokumentarfilme? Warum Bio-pics? Warum Thriller? Weil, .... Hier darf nach Genuß des Buchses jede/r seine/ihre Meinung nach Belieben und neugewonnener Erkenntnis einsetzen. Vielleicht folgen auch einige Lee’s lakonischer Vorlage aus “Inside Man”: Weil er es kann.
Spike, Darling, ist Lee auf keinen Fall. Und doch ist seine Filmwelt so farbig wie eine kontroverse, widersprüchliche Welt. Vor lauter Schwarzseherei tauchen seine Kritiker in die Grautöne ab und lassen wenig Platz für positive Kopfnoten wie Poesie, Rhythmus, Spannung und Witz. Oder die Basis des Lee’schen Duftes: Menschlichkeit. He’s gotta have it.
Maggie Thieme
Gunnar Landsgesell, Andreas Ungerböck (Hg.): Spike Lee
film: 14,
Bertz, 2006,
304 Seiten,
ISBN: 3-929470-87-X,
25,00 EUR