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David Lodge:Autor, Autor

07.06.2006

Einfühlsame Hommage


Der Witz und die Ironie, die Lodges Campus-Romane auszeichnet, kommt bei diesem fein ausgepinselten Porträt etwas zu kurz, aber als einfühlsame Hommage eines bedeutenden zeitgenössischen Schriftstellers an einen großen Vorgänger entwickelt der Roman über Henry James mit seinen Reichtum an feinen Beobachtungen und genauen Details einen sanften Sog, dem sich Lodge-Fans ebenso getrost überlassen können wie erklärte "Jamesianer".

 

Henry James gilt als Wegbereiter der literarischen Moderne. Seine Romane handeln von der Subjektivät der menschlichen Erfahrung und von der Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen, die eben deshalb selten glücklich sind. Die Charaktere, die er geschaffen hat, sind von schwer zu fassender Uneindeutigkeit. Leichte Lektüre sind seine Romane nicht, auch deshalb weil James die sprachliche Raffinesse bis an die Grenzen der Verständlichkeit getrieben hat.
Merkwürdigerweise sind seine Romane und Erzählungen aber äußerst beliebte Filmstoffe, mittlerweile gibt es über siebzig Henry James-Verfilmungen, die aber nur selten der Vieldeutigkeit und Doppelbödigkeit ihrer Vorlage gerecht werden. (Kleine Abschweifung: Meine Favoriten sind "Die Flügel der Taube" von Ian Softley aus dem Jahr 1997 und "Schloß des Schreckens" von Jack Clayton aus dem Jahre 1961 nach der einzigen Horror-Geschichte von H. J. "Die Drehung der Schraube")

Der britische Autor David Lodge hat den Biografien über James, der als US-Amerikaner in London lebte, einen biografischen Roman hinzugefügt, der so etwas wie die Wechselbeziehung zwischen äußerlichen Umständen und dem inneren Zustand des Dichters darstellt. Dabei konzentriert sich Lodge auf zwei Lebensabschnitte, auf Henry James´ langsames Sterben im Winter1915/16, das die Klammer des Romans bildet, und vor allem auf seine wenig erfolgreichen Versuche in den Achtziger Jahren des 19.Jahrhunderts als Dramatiker die Londoner Bühne zu erobern.

Sympathetisch zeichnet er die Hoffnungen und Selbsttäuschungen des großen Autors nach, der so gerne populär geworden wäre, zugleich aber in seinem Schaffen viel zu ambitioniert und skrupulös war, um seine ästhetischen und ethischen Prinzipien zu verraten. Geradezu dezent behandelt Lodge das nichtvorhandene Sexualleben des Autors, der wohl nie eine körperliche Liebesbeziehung hatte und dennoch immer wieder das Thema Liebes- und Eheleben aufgegriffen hat. Dankenswerterweise verschont Lodge den Leser mit küchenpsychologischen Analysen und kühnen Spekulationen über James´ sexuelle Neigungen. Viel klüger als vorher ist man nach der Lektüre allerdings auch nicht, wie der Autor dieses eklatante Manko an Lebenserfahrung verkraftet und literarisch kompensiert hat.
In dem Porträt des Autors als Mann in mittleren Jahren treten auch Zeitgenossen wie G. B. Shaw, H.G. Wells und Oscar Wilde in Erscheinung. Weit mehr Konturen gewinnt jedoch George Du Maurier, James bester Freund, der heute fast nur noch als Großvater der Erfolgsautorin Daphne Du Maurier bekannt ist. Damals aber gelang dem Karikaturenzeichner mit dem leicht verruchten Roman "Trilby" einer der größten Bestseller im angelsächsischen Raum. Wie James mit dem Erfolg des Freundes umgeht, während ihm der große Erfolg versagt bleibt, das ist meisterhaft geschildert und eröffnet nebenbei einen Einblick in die Gesetze des Literaturbetriebs, die sich seitdem nicht grundlegend geändert haben. Der Witz und die Ironie, die Lodges Campus-Romane auszeichnet, kommt bei diesem fein ausgepinselten Porträt etwas zu kurz, aber als einfühlsame Hommage eines bedeutenden zeitgenössischen Schriftstellers an einen großen Vorgänger entwickelt der Roman über Henry James mit seinen Reichtum an feinen Beobachtungen und genauen Details einen sanften Sog, dem sich Lodge-Fans ebenso getrost überlassen können wie erklärte "Jamesianer". Übrigens: Von beiden sollte es im deutschen Sprachraum weit mehr geben.

Peter Kohl


David Lodge: Autor, Autor,
Gerd Haffmans bei Zweitausendeins,
544 Seiten, 17.90 Euro

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