Marita Vollborn und Vlad Georgescu: Konsumkids
17.08.2006
Konsumkids
Ein Buch zur rechten Zeit, passt es doch zu einem aktuellen Thema: warum die Deutschen keine oder zu wenige Kinder bekommen und welche Folgen dies hat. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Übermacht der Medien- und Konsumgüterindustrie, die das Kinderkriegen zu einer kostspieligen Sache werden lässt, haben Marketingstrategen es insbesondere auf die kleinen, noch sehr formbaren Hirne abgesehen.
Konsumkritik hat immer etwas Antiquiertes und Oberlehrerhaftes an sich, denn sie scheint doch durch die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung jeden Tag aufs Neue widerlegt zu werden: Menschen der westlichen Welt konsumieren beträchtliche Mengen, schnell und viel, trotz aller Unkenrufe von Seiten der Wirtschaft. Die möchte nämlich, dass wir noch mehr konsumieren, nach dem Motto: mehr ist nicht mehr genug. So wirken die Stimmen, die hier und da Konsumkritik äußern, wie einsame Rufe in der Wüste. Der sogenannte mündige Konsument macht dagegen ohnehin das, was er für richtig hält: Er kauft, auch und gerade, wenn es um den Konsum unserer Kleinen und Kleinsten geht, den er nicht nur finanziert und zulässt, sondern auch praktisch vorlebt.
Und nun kommen zwei Wissenschaftsjournalisten, die nebenbei auch selber ein besorgtes Elternpaar sind, sammeln und schreiben ein Buch über den Konsumwahn und die damit einhergehende Verblödung unserer Kinder (siehe PISA). 25 Prozent können beispielsweise nicht mehr altersgemäß sprechen, vom Schreiben ganz zu schweigen. Ja, das wurde aber auch Zeit, einmal die Fakten zu sammeln, wie insbesondere der hohe Medienkonsum doofe und dicke Kinder am laufenden Band produziert, und die moderne Hirnforschung zerrt dabei Erschreckendes zu Tage. Fazit: „Eine Horde williger Konsumkids wird da herangezüchtet – Erwachsene von morgen, deren Ziel das Wollen und Haben sein wird.“ Dass die Verblödung längst aber auch uns, die Erwachsenen, eingeholt hat, wird dabei leider etwas blauäugig verschwiegen. Denn Konsumieren ist heutzutage erste Bürgerpflicht, eine Pflicht, die nicht als Pflicht empfunden, sondern als Lust erlebt wird. Das trifft sich freilich mit der immer wieder angestimmten Klage, dass unsere Binnenkonjunktur ohnehin viel zu schwach ist, und es bedürfe noch mehr kauffreudigen Verhaltens, wenn unsere kränkelnde Wirtschaft endlich wieder brummen soll – die Begriffe „Kaufzurückhaltung“ und „Käuferstreik“ bestimmen dabei die, natürlich wieder medial inszenierte, öffentliche Debatte. Seien wir also ehrlich: Übermäßiger Konsum ist in unserer Wirtschaftsgesellschaft ein zutiefst gewünschtes und von den meisten gewolltes Verhalten, allein schon wegen der Arbeitsplätze, die daran hängen bzw. durch Kaufzurückhaltung gefährdet sind.
Also, was tun? Dass die Autoren aufzeigen, welch gigantische Summen an unseren Kindern und Jugendlichen verdient werden, überzeugt und erschreckt zugleich, verwunderlich ist es aber nicht. Dass dieses viele Geld aber nicht nur zum folgenlosen Amüsement dient, sondern gravierende Folgen hat, die unsere Kinder und Jugendliche langfristig schädigen, schreit geradezu nach Veränderung. Aber hier liegt genau das Problem: Welcher Erwachsene ist denn selber bereit, auf manches ihn letztlich nur passiv einlullende Konsumgut zu verzichten? Auf den neuen Fernseher und den neuen DVD-Player zum Beispiel, oder auf des Deutschen liebstes Kind, das Auto? Und spricht nicht die Geburtenstatistik eine klare Sprache, dass der Durchschnittsdeutsche in Zeiten knapper Kassen lieber auf leibhaftige Kinder verzichtet denn auf den blank polierten Wagen, der schon beim nächsten Händler steht?
Die Fakten über das Konsumverhalten unserer Kinder und seine Folgen liegen nun dank dieses gut recherchierten Buches klar auf dem Tisch. Und jedem Elternteil sei geraten, sich die Tipps und Tricks in den letzten beiden Kapitel genau anzuschauen. Insofern handelt es sich nicht nur um ein faktenreiches, sondern auch um ein nützliches Buch. Leider werden aber noch so viele Fakten angesichts der Übermacht des konsumfreudigen Umfelds nicht ausreichen, um eine wirkliche Veränderung herbeizuführen, denn Konsum wird besonders von den Erwachsenen gewollt und erwünscht und vorgelebt und ist auch Vorbild für unsere Kids.
Es ist auch schade, dass in diesem Buch nicht deutlicher auf die wirklich konsumfreien Räume in unserer Gesellschaft hingewiesen werden, die es tatsächlich noch gibt. Das sind all jene Räume, wo man etwas selber macht, statt zu konsumieren. Etwa wenn man gemeinsam oder alleine musiziert oder malt oder schreibt. Konzentration, Selbstbewusstsein, Disziplin, Intelligenz und Gemeinschaftssinn werden dort erlernt und gefördert – Eigenschaften, die die Menschen heute dringender denn je benötigen. Wie das eigene Bemühen zum Erfolg führt, verstellt der Konsum. Wie Anstrengung und Ergebnis in ein produktives befriedigendes Verhältnis gesetzt werden können, lernt man nicht durch Konsum. Autonomie, Individualität und Können entstehen nur, indem man etwas selber macht. Und vielleicht bekommen wir Deutsche dann ja auch wieder mehr Kinder.
Frank Kaufmann
Marita Vollborn und Vlad Georgescu: Konsumkids Wie Marken unseren Kindern den Kopf verdrehen S. Fischer 2006 ISBN: 3-10-027817-8
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