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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:16

R. Dingemann: Spurensuche. Deutschlands Osten einst und jetzt

20.09.2006

Aufbau Ost

Seit dem Mauerfall hat sich das architektonische und landschaftliche Erscheinungsbild von Deutschlands Osten drastisch verändert. Welch rasanter Wandel innerhalb von anderthalb Jahrzehnten möglich war, welch potentielle Chancen vielleicht aber auch verschenkt wurden, zeigt eine visuelle Spurensuche quer durch die ehemalige DDR, die der Germanist und Historiker Rüdiger Dingemann in einer dokumentarischen Bestandsaufnahme sorgfältig zusammengestellt hat.

 

Wer kennt das Phänomen nicht auch aus eigener Erfahrung? In alten Fotoalben blätternd ist man oft maßlos erstaunt über die Veränderungen, die Orte, Straßen, Landschaften und Menschen durchlaufen haben. Beachtenswerte Beispiele finden wir in unserem eigenen Land. Neben prominenten Fällen wie dem Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche oder der kompletten Neugestaltung des Potsdamer Platzes in Berlin existieren zahllose weniger spektakuläre, aber nicht minder interessante Orte zwischen Saßnitz und Plauen, die sich in den letzten 15 Jahren eindrücklich verändert haben.

Rüdiger Dingemann stellt in 140 Bildpaaren aus allen Regionen der neuen Bundesländer ein Vorher und Nacher, ein Einst und Jetzt zusammen, das um so überraschender ausfällt, als dass viele Aufnahmen aus exakt demselben Blickwinkel entstanden sind: einmal zu DDR-Zeiten und ein zweites Mal im Jahre 2005. Alle Aufnahmen stammen aus dem Archiv der Fotoagentur „Zentralbild“, die vor der Wende zur DDR-Nachrichtenagentur ADN gehörte und nun ein Tochterunternehmen der DPA ist.

Dabei gibt es unglaublich viel zu entdecken: Einen Tante-Emma-Laden mit handgeschriebenen Schildern und liebevoll dekorierten Auslagen, der inzwischen zu einem gesichtslosen „Lotto-Point“ aufgemotzt wurde. Einen ehemals maroden Hinterhof in Halle, der sich zu einer Oase der Stille gemausert hat. Das heruntergekommene Hotel Adlon in Berlin, das Ende der Neunziger Jahre in alter Pracht restauriert wurde. Einen properen Möbelmarkt, auf dessen Grundstück ehemals die Schornsteine der Zwickauer Kokerei rauchten. Oder einen Straßenzug am Prenzlauer Berg, mit einsturzgefährdeten Balkons und bröckelndem Putz – heute eine luxussanierte Vorzeigegegend mit großzügig restaurierten Stuckfassaden.

Besonders frappierend geraten die Gegenüberstellungen da, wo ein Ort so radikal geschliffen wurde, dass er keine Erinnerungen an die Vergangenheit mehr in sich trägt. Als Paradebeispiel mag das propagandistische Fliegerdenkmal in der Merseburger Innenstadt gelten, an dessen Stelle sich nun eine blanke, kahle Grünfläche ausbreitet.

Rüdiger Dingemann hat eine Vielzahl hochinteressanter Ein- und Ausblicke zusammengetragen, informativ – aber bewusst nicht wertend – untertitelt und mit zahlreichen Zitaten und literarischen Fundstücken ergänzt: hier lässt er Walter Ulbricht genauso zu Wort kommen wie Robert Musil, Bert Brecht oder Brigitte Reimann. Der Publizist und Theologe Friedrich Schorlemmer schrieb dazu eine engagierte Einleitung.

Mit diesem Bildband kann man nicht oft genug auf Spurensuche gehen: Es gibt Gründe genug, genau hinzuschauen, zu beobachten, zu vergleichen - und immer wieder zu staunen.

Ingeborg Jaiser


Rüdiger Dingemann: Spurensuche: Deutschlands Osten einst und jetzt.
München: Bucher, 2006.
168 S., 140 Abb.
ISBN 3-7658-1500-4
Preis: 29,95 Euro

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