Zart und verletzlich. Vulgär und peinlich. Künstlich und natürlich. Das alles und noch viel mehr ist Pink. Zweideutig, mehrdeutig, ein Meer an Assoziationen. Doch Pink lässt sich nicht steigern. Ist immer Pink, ob knallig oder rosig. Selbst der bieder klingende deutsche Begriff “rosa” verweist mit seinen Varianten “Baby-” oder “Schweinchenrosa” auf Widersprüche. Dieser Vieldeutigkeit der Farbrezeption in der Kunst- und Kulturgeschichte geht Bauhaus-Professorin Barbara Nemitz als Herausgeberin des englischsprachigen Bandes “Pink – The Exposed Color in Comtemporary Art and Culture” nach.
Nimmt man Pink als Referenz zur Natur, ist damit zumeist die fleischliche oder sexuelle Seite gemeint, zumindest von den doch sehr auf sich fixierten weiß-rosa-häutigen Menschen. So ist das englische “pink parts” auch ein Synonym für Genitalien. Rosa gebrochen zeigt sich der körperliche Aspekt in den Arbeiten von Louise Bourgeois oder Vanessa Beecroft. Ungebrochen lustvoll im Rokoko-Schaukelbild des Jean-Honoré Fragonard. Pink dagegen als Antithese zum so genannt Natürlichen machten sich Christo und Jeanne-Claude beim Verhüllen der Inseln vor Florida zu Nutze.
Die Konnotation der Farbe Pink ist kulturabhängig. Gilt sie in Deutschland eher als kindlich oder unseriös, wird sie in einigen Ländern durchaus positiv rezipiert. Dort scheint sie mit ihrer aufwertenden Aura die ideale Verpackungsfarbe darzustellen. Bspw. für schlechten Börsenkurse auf den rosa Seiten der Financial Times oder in der zartrosa Färbung der japanischen Kirschblüte, deren niederfallende Blätter für den gefallenen Samurai stehen, der in der Blüte seiner Jahre starb. Auch als eine Art Verpackung oder Camouflage können die rosa Wände in den Arrest-Gummizellen, die in manchen amerikanischen Gefängnissen ganz im als deeskalierend geltenden Rosa gehalten sind, herhalten. Diese so genannten Bubblegumzellen wurden bei Bigert & Bergström zum Mittelpunkt ihrer gleichnamigen Installation.
Mit der immensen Vielfalt der widersprüchlichen Zuschreibungen an die Farbe Rosa setzten sich so unterschiedliche Künstler wie Yves Klein, Joseph Beuys oder der als “Pink Pilgrim” bezeichnete James Lee Byars auseinander. Dass solcherweise exponierte Pink wirkt heute nicht mehr so shocking wie noch in den 60er oder 70er Jahren. Man hat sich an pinkige Anblicke gewöhnt. Und doch haftet der Farbe eine polarisierende Wirkung an. Ist Pink also eine Steigerungsform für gewöhnliche Dinge?
Das Buch selbst ist ein ebenso wunderbar beruhigendes wie auch beunruhigendes: Berührt man den samtigen Veloursbezug des mattrosa Einbandes, meint man die Sanftheit der Farbe noch in den Fingerspitzen spüren zu können, um dann die Seiten aufschlagend, ein höchst aufregendes Kribbeln zu empfangen.
Von Maggie Thieme

Barbara Nemitz (Hg.): Pink - The Exposed Color in Comtemporary Art and Culture. Hatje Cantz 2006. Engl. 320 S. 35.00 ¤, ISBN 3-7757-1771-4