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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:18

Adam Soboczynski: Polski Tango

15.11.2006


Der Papst, die Putzfrauen und die Gänse - Tango an der Oder

“Es gibt Wiedersehen, die sind trauriger als jeder Abschied”

 

Ein Tango, beobachtet in einer Krakauer Kneipe, symbolisiert für Adam Soboczynski die Unüberbrückbarkeit von Abschied und Wiederkehr, von Nähe und Ferne, Ungleichzeitigkeiten. Wahrnehmungen eines Migranten, der 1975 in Polen geboren mit seinen zum Teil deutschstämmigen Eltern 1981 in die Bundesrepublik aussiedelte. Der ebenso metaphorische wie melancholische Prolog eröffnet den Bericht einer Reise zwischen Polen und Deutschland.

Aus der Sicht eines im Deutschland der 80er sozialisierten Polens unterzieht der Journalist das Leben in den beiden Nachbarstaaten und seine Erinnerung an das Vergangene einer Prüfung mit der Spezialbrille des Zwei-Land-Menschen. Beliebte Vorurteile befreit er von ihren klebrigen Klischee-Federn und erlaubt somit überraschende Einblicke in polnische wie deutsche Lebenswelten. Denn wenn jeder Pole ein wodkatrinkender Künstler, jede Polin eine Putzfrau ist und alle den Papst lieben, wer klaut dann die deutschen Autos?
Doch Soboczynski muß sich auch mit eigenen Vorurteilen und denen seiner polnischen Verwandtschaft herumschlagen, dabei bewundert er die Leichtigkeit mit der die Polen Niederlagen ertragen, Provisorisches hinnehmen sowie ihre Vorliebe für das Absurde, wundert sich dagegen über ihre rigiden Seiten, wie die Antipathie gegenüber Minderheiten, einen schleichenden Antisemitismus oder wachsende Homophobie. Die auf dem Gebiet ja eigentlich auch nicht unkundigen Deutschen stossen hindessen durch ihr moralinsaures Gejammer und ihre Unfähigkeit zur Gastfreundschaft auf, dabei unentwegt Müll trennend und Schosshunde züchtend.

Es scheinen nicht immer unbedingt sprachliche Verständigungsprobleme vorzuliegen, manch deutsch-polnische Kommunikationshürde der Vergangenheit wie Gegenwart könnte auch durch eine unterschiedliche Lautstärke Wahrnehmung zu Stande gekommmen sein. Während die in Deutschland lebenden Polen, die sich zwischen Multi-Kulti und Einwanderung für einen dritten Weg entschieden haben, den der Integration à polonaise: lieber unauffällig bleiben, fällt die polnische Politik zur Zeit gern lautstark auf. Dies könnte man jedoch auch von der Preußischen Treuhand behaupten, die reichlich unverzagt alte Besitzstände einfordert, wozu wiederum die deutsche Politik schweigt.

Leicht und amusant erfahren wir viel über die Unterschiede zu und Gemeinsamkeiten mit den oft ungeliebten Nachbarn. Aber auch Vorurteile haben wahre Kerne und ein rasches Verdammen schafft oft neue. Doch melancholische Menschen neigen selten zu Haudrauf-Attituden. An Gegensätze gewöhnt und auch sich selbst überprüfend, hat Adam Soboczynski eine angenehme, sanft ironische Hand, um die mit Klischees und Mißverständnissen beider Seiten wohlgenährte Gans sicher zu schlachten. Ein deutsch-polnisches Festmahl!

Maggie Thieme


Adam Soboczynski: Polski Tango, Eine Reise durch Deutschland und Polen,
Kiepenheuer, 2006,
91 Seiten, 17,90 EUR,
ISBN: 3-378-00675-7

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