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Hans van der Meer: Spielfeld Europa

06.12.2006

Fußball ohne Glamour
Angesichts einer verkommenen Medienwelt, in der jeder Furz eines „Prominenten“ berichtenswert erscheint und die Bilder von Aristokraten und Großverdienern Papier und Bildschirme verstopfen, ist ein Band wie dieser eine demokratische Errungenschaft. Er setzt dem namenlosen Fußballamateur ein Denkmal, ohne ihn auf einen Sockel zu stellen.

 

Das Jahr stand im Zeichen der WM. Deshalb wurde alles getan, um dem Fußball Glamour zu verleihen. So glanzvoll und bürgerlich war das Spiel auf dem Rasen noch nie.
Doch Fußball hat auch eine andere Seite. Keiner hat sie so bedrückend genau visualisiert wie der Regisseur Ken Loach. In „My Name Is Joe“ ist das Ambiente der Glasgower Amateurmannschaft nicht weniger trist, nicht weniger menschenfeindlich als die Wohnsiedlungen, die Loach in diesem Film und in vielen seiner Filme ins Bild setzt. Die Utopie von Freiheit und Selbstverwirklichung, die für viele im Sport aufbewahrt scheint, verpufft hier zu einer Illusion. Armut, Arbeitslosigkeit, die Sorgen des proletarischen Alltags schwappen über das fahle Grün des Fußballfelds am Rande der Industriestadt.

Was bei Loach die Kulisse abgibt für eine Story, wird für den holländischen Fotografen Hans van der Meer zum Thema. Er ist durch mehrere Länder gereist und hat „Landschaften der Fußball-Amateure“ – so der Untertitel seines querformatigen Bandes – fotografiert. Ein genialer Einfall. Denn entstanden sind nicht nur Bilder von einer auf ihre Art grandiosen Schönheit, sondern zugleich soziologische Studien. Wie die Spieler auf diesen Bildern mit dem Spielfeld zu einer Einheit verwachsen, ist von stets neuer faszinierender Kraft. Denn was sie nicht wahrnehmen, drängt sich dem Betrachter der Fotos auf: die Landschaft jenseits des Spielfelds, der Hintergrund, der den Fußballplatz zur Insel verengt, zu einem Versprechen, das nicht gehalten werden kann. Die Wirklichkeit dieser unnatürlichen Natur ist das exakte Gegenteil romantischer Landschaftsdarstellungen, die eher in das Reich des Traums verweisen.

Gerade die „Monotonie“ des Sujets macht den Reiz des vorliegenden Bandes aus. Immer wieder: 22 Spieler mit Landschaft drumherum. Die Konstanz des Motivs macht die Unterschiede umso auffälliger, stellt eine Vergleichbarkeit her, die das übliche Mischmasch von Fotobänden verweigert. Mal ist die Umgebung ganz flach, mal erheben sich Hügel im Hintergrund oder man sieht das Meer. Mal beherrscht das Grün des Rasens das Bild, mal dient brauner oder auch roter Sand als Spielfeld, sogar auf Schnee wird gekickt. Die Steinhäuser oberhalb eingezäunter Wiesen im englischen Warley oder die Reihenhäuser in Bradford erinnern unmittelbar an Ken Loach. Damit kontrastieren die anonymen Wohnsilos im spanischen Torrenueva und in Budapest oder die Fabrikschlote im deutschen Marxloh. Im polnischen Bartkowo hockt eine einsame Zuschauerin auf einem in den Boden gerammten halben Autoreifen und blickt über die Schulter zum Fotografen. Jedes dieser Fotos erzählt eine Geschichte, hält den Augenblick einer erkennbaren Bewegung fest. Die „Choreographie“ der Spieler ist offensichtlich nicht gestellt und doch wie kunstvoll arrangiert.
In der Geschichte des Dramas gilt es als emanzipatorischer Akt, dass sich das Bürgertum im 18. Jahrhundert als des Tragischen würdig erachtet hat. Angesichts einer verkommenen Medienwelt, in der jeder Furz eines „Prominenten“ berichtenswert erscheint und die Bilder von Aristokraten und Großverdienern Papier und Bildschirme verstopfen, ist ein Band wie dieser eine demokratische Errungenschaft. Er setzt dem namenlosen Fußballamateur ein Denkmal, ohne ihn auf einen Sockel zu stellen. Seine Vorläufer liegen im Kino des italienischen Neoverismo und der tschechischen Neuen Welle der sechziger Jahre. Und jetzt kommt die Pointe: der Rezensent macht sich nichts aus Fußball. Aber diese Bilder haben ihn mehr berührt als das Meiste, was er in den vergangenen Monaten in Museen und Ausstellungen gesehen hat.

Thomas Rothschild


Hans van der Meer: Spielfeld Europa.
Landschaften der Fußball-Amateure.
SteidlMACK, 2006.
Broschur.
ISBN 3-86521-255-7.

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