Patricia Bosworth: Schwarz und Weiß
13.12.2006
Das Absonderliche im Normalen, das Normale im Absonderlichen
“Arbus’ Fotos bieten Gelegenheit, zu beweisen, dass man dem Schrecken des Lebens ohne Zimperlichkeit ins Gesicht sehen kann.” (Susan Sontag, Über Fotografie)
Bekannt wurde sie mit ihren Fotografien von grotesk wirkenden oder von der Norm abweichenden Menschen, die oft als zu exzentrisch abgelehnt wurden. Vielleicht nicht gerade verboten, war doch die ungeschönte Darstellung von Menschen am Rande der Gesellschaft in den 50er und 60er Jahren noch stark tabuisiert.
Diane Arbus begann ihre fotografische Karriere als Modefotografin. Sie wurde 1923 in New York geboren und wuchs als behütete jüdische “Prinzessin”und Kaufhauserbin auf. Obwohl selbst an Mode desinteressiert, war sie nach ihrer frühen Heirat mit den gemeinsam mit ihrem Ehemann produzierten Fotografien für “Harper’s Bazaar” “Look” oder “Vogue” erfolgreich. Gefangen in der Doppelrolle als künstlerisch Selbstständige, die trotz Erfolgen ständig um Aufträge kämpfen mußte, und Mutter und Ehefrau, litt sie unter wiederkehrenden Depressionen. Die Arbeit im Studio begann sie zunehmend zu langweilen. Auf der Suche nach Mitteln die Oberflächenspiegelung zu durchbrechen, entwickelte sie ein diametrales Interesse für Menschen in Grenzsituationen.
Sukzessiv wendete sie sich von der Modefotografie ab und belegte verschiedene Kurse, u.a. bei Lisette Model, deren Aufnahmen von Betrunkenen, Bettlern und einfachen Leuten in den 40er Jahren als revolutionär galten. Mit leidenschaftlicher Faszination folgte sie ihren Models, die sie auf der Straße, in Bordellen oder Abbruchhäusern fand, bis in ihre Privatsphäre. Sie selbst wurde zur Grenzgängerin und suchte obssessiv das unkonventionelle, unsichere und verborgene. Vielleicht aus einem Gefühl heraus, ihre eigene Privilegiertheit abstreifen zu müssen, baute sie nie eine Distanz zu ihren Modellen auf. Sie führte sie nie vor, schützte aber auch sich selber nicht. 1971 nahm sich Diane Arbus das Leben. Eine Künstlerin, die die Farben einer Wirklichkeit ausleuchtete, die bis dahin weder von der Schwarz-Weiß- noch von der Farbfotografie erfaßt wurde.
“Schwarz-Weiß” ist die wieder aufgelegte Überarbeitung der 1984 erschienen Biografie der Diane Arbus. Auffällig ist, dass es relativ wenig Fotos gibt. Die Arbus-Erben wollten nicht zur Veröffentlichung der Lebensgeschichte beitragen, das Werk von Diane Arbus solle für sich sprechen. Eine, vielleicht auch im Hinblick auf den gewaltsamen Tod der Künstlerin, verständliche Reaktion. Doch ohne Zweifel evoziert das besondere ¼uvre Neugierde auf die Person, die hinter diesem steckt. Empfehlung: Unbedingt einen Bildband daneben legen. Im magischen Dreieck zwischen eigener Vorstellung, den Arbus’schen Fotografien und dem biografischen Hintergrund entfaltet sich eine außerordentliche Künstlerin, die ihr Leben mit größter Hingabe der “räudigen Wirklichkeit” verschrieb.
Maggie Thieme
Patricia Bosworth: Schwarz und Weiß.
Das Leben der Diane Arbus
Aus dem Englischen von Peter Münder, Frank Thomas Mende, Dorothee Asendorf und Barbara Evers,
Dumont, aktualisierte deutsche Ausgabe 2006, 440 Seiten,
24,90 EUR,
ISBN - 10: 3-8321-7993-3