Elena Tregubova: Die Mutanten des Kreml
02.01.2007
„Es ist verboten, Putin zu kritisieren“
Die Mutanten des Kreml ist ein hoch aktuelles und zugleich mutiges Buch von bestürzender Deutlichkeit.
„Die Geschichte eines Staates ist oft auch eine persönliche Angelegenheit und nicht nur die eines Kollektivs. […] Und genau deswegen beginne ich meine Erzählung mit der Geschichte, wie ich den Menschen kennenlernte, der eine fatale Rolle nicht nur in meinem Leben, sondern auch für das Schicksal meines Landes spielt“, erklärt Elena Tregubova am Ende des Vorworts zu ihrem Buch Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in Putins Reich.
Eigentlich handelt es sich um zwei Bücher in einem, nämlich die überarbeitete und aktualisierte Fassung von „Geschichten eines Kreml-Diggers“ und „Der Abschied eines Kreml-Diggers“, die nun erstmals auch auf Deutsch vorliegen. Auf der Grundlage eigener Erlebnisse und Erfahrungen beschreibt Tregubova die Situation im heutigen Russland, insbesondere die Verbindungen zwischen Macht und Kapital und die Bedingungen für Journalistinnen und Journalisten.
Fünf Jahre lang hat sie für die Moskauer Tageszeitung „Kommersant“ gearbeitet. Als Kreml-Korrespondentin zunächst von Putin umworben, wurde Tregubova schon bald eine seiner schärfsten Kritikerinnen. So stellt sie fest: „Das heutige Russland ist ein Land, in dem zur Jagd auf alle unabhängigen Journalisten geblasen wird, die nicht das Loblied auf Putin singen wollen und ihn für den Völkermord in Tschetschenien kritisieren [...].“
Ihr Buch wurde zum russischen Bestseller – ein Erfolg, der jedoch seinen Preis hatte: „Erst verlor ich meine Arbeit, und dann wäre ich beinahe einem Anschlag zum Opfer gefallen.“ An anderer Stelle schreibt sie: „Das heutige Russland ist für mich ein Land, in dem Putin mir Berufsverbot erteilt hat.“ Boris Jelzin sieht die Journalistin als Gegenpol zu Putin: „Schade nur, daß wegen seiner Krankheit Jelzins klare Phasen immer seltener wurden.”
Tregubova berichtet, dass Putin „fünf unausgesprochene Informationstabus“ eingeführt habe. Nicht nur in den Medien werde nach bestimmten Regeln zensiert, von denen die erste laute: „Es ist verboten, Putin zu kritisieren.“ Werden diese Vorgaben nicht respektiert, drohen Sanktionen: „Ein Verstoß gegen Putins ‚Zensurpentagramm’ kann im heutigen Rußland einen Verlust der Arbeit, der Firma, des Aufenthaltsrechtes oder des Lebens nach sich ziehen.“
Die Mutanten des Kreml ist ein hoch aktuelles und zugleich mutiges Buch von bestürzender Deutlichkeit. Tregubova kann glänzend schreiben – ein Lob, das zweifellos auch den Übersetzerinnen Olga Radetzkaja und Franziska Zwerg gebührt. Allerdings mag den Leserinnen und Lesern, die immer wieder direkt angesprochen werden, trotz oder gerade wegen der lockeren Schreibe mitunter das Lachen im Halse stecken bleiben.
Die 1973 geborene Journalistin beschließt ihr Buch mit einem Appell an die europäische Politik. Sie ist „überzeugt davon, daß im 21. Jahrhundert gerade wir Frauen es sein werden, die die Welt auf ihre zarten Schultern nehmen, die sie besser machen, sie verändern müssen. Denn von dem Alptraum, den die ‚starken’ Männer in der Welt angerichtet haben, wollen dieselben Männer inzwischen offenbar selbst nichts mehr hören – zumal in dem Buch einer ‚schwachen’ Frau.“
Frank Thomas Grub
Elena Tregubova: Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in Putins Reich. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja und Franziska Zwerg. Tropen Verlag 2006. 379 Seiten. 19,80 Euro.